Eine Welt ohne Kunst? – Undenkbar.

Über das Verhältnis von Kunst und Kultur

Ich stelle mir vor, was der zufällig entstandene Abdruck einer durch Holzkohle geschwärzten Hand auf einer Höhlenwand für unsere frühzeitlichen Vorfahren bedeutet haben muss. Es dürfte sich in diesem Moment ein Möglichkeitsraum geöffnet haben – eine neue Ebene der Interaktion/Kommunikation mit der Welt tat sich auf. Und noch heute wird dieser entscheidende Moment in der Menschheitsgeschichte in vielen Kindergärten und Grundschulen regelmäßig nachvollzogen.

Auf Handabdrücke folgten irgendwann die ersten Darstellungen von Tieren und Jägern. Noch heute verspüren Menschen die Neigung, sich ihrer Existenz zu versichern und emotionale Momente für die Ewigkeit festzuhalten, etwa indem sie ihre Initialen in die Rinde eines Baumes ritzen.

Die Höhlenzeichnungen haben die Personen, die sie geschaffen haben, um Jahrtausende überdauert. Die älteste gefundene Felszeichnung ist wohl um die 45.500 Jahre alt. Seitdem haben Menschen nie mehr damit aufgehört, Dinge zu erschaffen, die nicht nur dem bloßen Überleben dienen.

Faszinierend ist nicht nur die Erkenntnis, dass unsere frühen Vorfahren bereits Kunstschaffende waren, sondern es sind auch die Werke als solche, die uns heute noch berühren. Das macht anschaulich, dass sich unser ästhetisches Empfinden nicht grundsätzlich von dem der Frühmenschen unterscheidet. Diese ersten Künstler*innen hatten bereits ein ausgeprägtes Gefühl für Bildkompositionen, das mit unseren heutigen Maßstäben für Schönheit übereinstimmt. Der Hirnforscher Ernst Pöppel führt im Zusammenhang mit Schönheit den Begriff Stimmigkeit ein. Wissenschaftler*innen, die sich intensiv mit der Architektur der Pyramiden beschäftigt haben, haben festgestellt, dass bestimmte Proportionen, die sich mit mathematischen Formeln ausdrücken lassen, sowohl in Ägypten als auch in Südamerika finden lassen. Vieles deutet darauf hin, dass es Proportionen gibt, die Menschen unabhängig von kulturellen Unterschieden als stimmig empfinden. (Stichwort: Der goldene Schnitt)

Die ersten Kunstwerke sind mit größter Wahrscheinlichkeit das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit. Jäger und Sammler waren keine Individualisten, die etwas für sich allein beanspruchten. Gemeinsames Tun und Teilen waren der Schlüssel zum Überleben. Über Tausende von Jahren war nicht Konkurrenz, sondern gemeinschaftsstiftende Teamarbeit der Impuls für das Aufblühen von Kreativität.

Kunstwerke sind in jeder Zeit Ausdruck einer Auseinandersetzung mit der Welt und sie haben das Potenzial, Menschen tief zu berühren. Voraussetzung dafür ist, dass sie beim Betrachter oder der Betrachterin auf Resonanz stoßen. Und das ist in einer Zeit, in der wir mit äußeren Reizen überflutet werden, die größte Herausforderung für Kunstschaffende. Ich möchte diesen Gedanken mit einem Beispiel veranschaulichen.

Vor einigen Jahren hatte ich (während des Festivals 48 Stunden Neukölln) Aufsicht in einer Fotoausstellung, in der auch eigene Bilder hingen. Die Ausstellung war bis in den späten Abend hinein geöffnet, allerdings kamen zu vorgerückter Stunde nur noch vereinzelt Besucher*innen. Das gab mir die Gelegenheit, mich intensiv mit den Bildern der Ausstellung zu beschäftigen. Ein großformatiges Foto hatte es mir besonders angetan. Zu sehen war die Rückenansicht einer jungen Frau, die einen Parkweg entlanggeht. Ein Anblick, der mir sehr vertraut erschien. Je länger ich mir die Szene anschaute, desto mehr Details konnte ich ausmachen. Durch die Büsche und in einiger Entfernung waren weitere Personen zu erkennen. Nach einer Weile beschlich mich ein unheimliches Gefühl. Mir war, als wäre ich Teil der Szenerie und würde der Frau folgen. Ich wurde zur Stalkerin. Mit der Zeit stellte sich ein Gefühl dafür ein, wie viele Wege sich in dem Park kreuzen (könnten) und dass dabei immer auch die Möglichkeit von Begegnung besteht. Bei meinem nächsten Parkbesuch war ich sensibilisiert für das imaginäre Geflecht potenzieller Begegnungen.
Ich bin mir sicher, dass ich all das bei einem „normalen Ausstellungsbesuch“ nicht entdeckt hätte.

Durch diese nicht-alltägliche Begegnung mit einem Kunstwerk habe ich erleben können, dass es bestimmter Voraussetzungen bedarf, damit ein Kunstwerk sich auf eine so intensive Art mitteilen kann: Die Zeit, sich einzulassen und genauer hinzuschauen, eine gewisse Affinität zum Sujet (Resonanz) und die Begegnung mit dem Original, die in der Regel eine tiefere Wirkung erzeugt als die stark verkleinerte Abbildung in einem Buch.

Kunst ist (abgesehen von Literatur und Dichtung) nonverbale Sprache, die gleichwohl etwas erzählt, indem sie Objekte, Farben und Formen zueinander in Beziehung setzt und Stimmungen erzeugt, die bei Betrachter*innen Gefühle hervorrufen können. Unser Wissen über vergangene Epochen speist sich zum einen aus den Fakten und Daten, die von Historiker*innen und Archäolog*innen zusammengetragen und interpretiert werden, aber eben auch aus kunstgeschichtlich relevanten Artefakten, die einen sinnlichen Zugang zu der jeweiligen Epoche ermöglichen. Dazu gehören selbstverständlich auch die musischen und literarischen Erzeugnisse einer Zeit.

Die Begriffe Kunst und Kultur werden oft in einem Atemzug genannt, als wären sie quasi identisch. Zudem wird häufig der Eindruck erweckt, „Kultur“ sei per se etwas Gutes. Ich hatte bereits in dem Beitrag „Nachdenken über Kultur und Kunst“ zu bedenken gegeben, dass Kultur alle Lebensbereiche umfasst und unsere Vorstellungen, Werte und Normen widerspiegelt. Die Kultur gibt Auskunft darüber, welchen Stellenwert wir einzelnen Bereichen des Lebens einräumen. Sie gibt Auskunft über das Verhältnis von Mitgliedern einer Gemeinschaft untereinander, zu anderen Gemeinschaften und zu ihrer Umwelt. Sie ist der Nährboden, aus dem auch die Kunst hervorgeht. Und wir wissen aus der Geschichte, dass das Verhältnis von Kultur und Kunst keineswegs immer unproblematisch ist.

In der Kunst geht es oft darum, den Finger in die Wunden zu legen und über das Bestehende hinauszuwachsen. Zum Beispiel durch das Durchbrechen von Sehgewohnheiten. Maler, wie Van Gogh oder Vermeer, deren Werke heute zu Preisen im Millionenbereich gehandelt werden, mussten zu Lebzeiten am Hungertuch nagen. Viele der heutigen „Stars“ in der Kunstszene stießen in ihrer Zeit auf Unverständnis. Bezeichnend ist, dass sie sich dennoch nicht davon abhalten ließen, ihre künstlerischen Experimente fortzuführen. Sie waren getragen von Neugier und Enthusiasmus und konnten vermutlich gar nicht anders, als ihren inneren Bildern zu folgen.

Wir brauchen Künstler*innen, um die Begrenztheit und die Tabus unserer eigenen Kultur zu erkennen.

Patriarchale Gesellschaften, die heute vermutlich 99 % der Gesellschaften auf dieser Welt ausmachen, sind hierarchisch strukturiert und auf den Erhalt von Hierarchien und machterhaltenden Strukturen bedacht. Das wird sehr deutlich, wenn die Anhänger*innen autoritärer Ideologien (auch innerhalb Europas) die Freiheit der Kunst zugunsten eines ideologisch gefärbten Weltbildes einzuschränken versuchen.

„Das Verhängnis unserer Kultur ist, dass sie sich materiell viel stärker entwickelt hat als geistig.“ (Albert Schweitzer)

Eine der größten Schwächen unserer Kultur ist die Fixierung auf die materielle Welt, verbunden mit einem enormen Verbrauch an natürlichen Ressourcen, die jetzt zur Neige gehen. Die Einstellungen unserer Kultur gehören allesamt auf den Prüfstand.

In letzter Zeit ist öfter der Slogan „Kultur neu denken“ zu hören. Damit sind wohl in erster Linie die Diskurse innerhalb der Kulturinstitutionen gemeint um Themen wie Gendergerechtigkeit, Anti-Kolonialismus und Nachhaltigkeit. Gleichzeitig werden diese Institutionen von Stellen gefördert, die kein wirkliches Interesse an Veränderung haben können.

Sind dem Diskurs damit nicht bereits Grenzen gesetzt? In Form von selbst auferlegten Denkverboten? Gemäß dem Sprichwort: „Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.“

Ich bin gespannt, wie sich die derzeitige Einschränkung des kulturellen Lebens längerfristig auf unsere Kultur auswirken wird und welche Diskurse daraus erwachsen. Eines jedenfalls steht für mich fest: Künstler*innen, die den Mut haben, „ihr Ding zu machen“, wird es auch weiterhin geben. Dass Kunst oft unter prekären Bedingungen entsteht ist weder neu noch überraschend. Das könnte sich nur ändern, wenn sich die Kultur radikal wandelt – von einer auf Trennung und Abgrenzung basierenden hin zu einer integralen, beziehungsweise multiperspektivischen Kultur.

Mögen sich die vielen Künstler*innen, die unter prekären Bedingungen leben und arbeiten einstweilen damit trösten, dass sie vermutlich weniger unter Selbstentfremdung leiden als viele andere Menschen und es ihnen leichter fallen dürfte, sich materiell einzuschränken, weil sie das ja bereits gewohnt sind.

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