Vorlesung #1: Alice im Wunderland

Dr. Carola Muysers

Aufbaustudiengang #Guckstu mit der Rächerin der Kunst und Vorlesungen für alle und immer:

Moin, moin und herzlich willkommen sagt die Rächerin der Kunst vom Aufbaustudiengang #Guckstu. Hier erlernt ihr das professionelle Kunsträchen, für das ihr kein Abitur braucht, sondern gleich den Magister, den Dr. und den Prof. machen könnt. Als Abschlussarbeit reicht ihr einfach „irgendwas mit Kunst ein“, dann bekommt ihr irgendwann ein Zertifikat von mir. Kontakt: m@berlin-woman.de.

Jetzt aber wird erst mal studiert und das geht so:

Vorlesung #1: Alice im Wunderland

Also dieser Corona-Virus wirft einen völlig aus der Zeit. Es ist doch gar nicht mehr Morgen! Egal? Hab schon von ein paar gehört, dass sie die nächsten 3 Jahre nicht mehr rausgehen. Homeoffice, Essen und Einkäufe online bestellen, man hat ja Skype, Zoom, Watchparties und Netflix. Du meine Güte, sind da eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Offenbar nicht, und dazu habe ich heute eine passende Bilder-Geschichte ausgesucht. Denn in Zeiten, wie dieser helfen am besten Parabeln. Bitte hört und #guckt mal zu:

Alice ist langweilig. Da rennt ein weißes Kaninchen mit einer Taschenuhr vorbei. Alice folgt ihm, stürzt in ein tiefes Loch in einen Raum mit 1000 Türen, findet einen Schlüssel, macht die eine Tür auf, passt nicht durch, trinkt ein Schrumpfmittel: Willkommen im Wunderland.

Eigentlich schrieb Lewis Carroll die Geschichte von „Alice im Wunderland“für Kinder. Doch ganz England, wo das Buch 1865 erstmals erschien, war buchstäblich verrückt danach. Im Jahre 1998 wurde eine Erstausgabe für 1.500.000 $ versteigert. Selbst Queen Victoria soll es verschlungen haben. Wobei wir gleich beim Thema wären.

Denn nicht nur, dass Alice in der Geschichte ständig ihre Größe wechselt und z.B. riesengroß das Haus des weißen Kaninchens blockiert oder die Gerichtsverhandlung gegen den wegen angeblichem Törtchen-Diebstahl verurteilten Herzbuben aufmischt. Auch wird sie selbst in absurdeste Situationen hineinkatapultiert. z.B. gerät sie in die Teegesellschaft mit dem Märzhasen und dem verrückten Hutmacher, wo es nur darum geht, Nonsens redend einen Tischplatz weiter zu rücken. Oder sie die Herzkönigin, die beim Croquet-Spielen Todesurteile gegen sämtliche Mitspieler.innen ausspricht, welche der Herzkönig mittels sofortige Begnadigung wieder entkräftet. Übrigens dienen beim Croquet-Spiel ein Flamingo als Schläger und ein Igel als Ball. Und erst mal die Grinsekatze, die ganz nach Belieben erscheint und wieder verschwindet, wobei ihr breites Lächeln lange nach ihrem Abgang in der Luft schwebt. Sie hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Grinsekatze von Dr. Carola Muysers

Dass Carroll das Buch für die kleine Alice Pleasance Liddell, dem Vorbild für Alice, schrieb, erwähne ich, damit ihr gleich auch hinter die Kulissen #guckt. Carroll war ein fantasiebegabter komischer Kautz, dem man heute eine pädophile Neigung zu kleinen Mädchen nachsagt. Seine Mädchenfotografien liefern Beweise, die Forschung ist am Thema dran, und ich erzähle dennoch weiter von Alice im Wunderland. Denn ich bin gegen die Auslöschung der Meisterwerke von in Verruch geratenen Meister.innen. Vielmehr müssen wir aufklären, aufklären und noch mal aufklären. Picasso war doch auch ein frauenfressendes Monster, Edward Hopper und Lovis Corinth ausgewiesene Künstlerinnenfeinde und Joseph Beuys mit rechten Seilschaften verbandelt. Ist so und trotzdem Kunst und wichtig!

Zurück zu Alice. Was das Buch so beliebt und berühmt gemacht hat, war die bildhafte Kritik an der damals herrschenden Pädagogik. Immer wieder entlarvt die kluge und grundehrliche Alice die kinderfeindliche Regeln als totalen Blödsinn. Das Mädchen hangelt sich von Nonsens zu Nonsens, bis es am Morgen an der Seite der Schwester erwacht. Uff, war alles nur ein böser Traum!

So berühmt wie die Geschichte sind auch ihre Illustrationen von der Hand des Karikaturisten John Tenniel. Ich glaube, jede.r kennt sie: Wie Alice in Habachtpose am Teetisch sitzt und dem verhuschten Märzhasen und dem überdrehten mit Riesenzylinder gekrönten Hutmacher lauscht, derweil das Murmeltier, das später in der Teekanne landet, vor sich hinschnarcht. Wie sie sich riesengroß in die viel zu kleine Kammer des Kaninchens quetscht und es ungewollt in die Flucht jagt. Wie sie mitleidig mit dem missbrauchten Croquet-Flamingo kommuniziert. Wie sie die Kopfscharniere der Soldaten lüftet. Wie sie sich konspirativ mit den Tieren versammelt, darunter der hübsche Dodo, die schlaue Eule, die flinke Maus, der scharfe Krebs und der starke Adler. Und wie sie die Karten aufmischt, und wie sie alles zu Fall bringt.

Nein, Alice ist nicht das kleine Mädchen mit niedlich-lustigen Tageserlebnissen. Alice ist der Mensch, der immer wieder versucht, sich in einer kollektiv verrückt gewordenen Gesellschaft zurechtzufinden.

Alice ist der moderne Sisyphos, was selbst nach 150 Jahren Erscheinen dieser Erzählung nichts an Aktualität eingebüßt hat. Im Gegenteil, zur Zeit sind wir ja alle eíne Alice und niemand wird ungeschoren davonkommen.

Noch ein paar Worte zu Tenniel (1820-1914), der sich neben den Alice-Illustrationen mit Karikaturen für die politische Satirezeitschrift „Punch“ einen Namen machte. Weltberühmt wurde seine Zeichnung „der Lotse geht von Bord“ zur Entlassung des Reichskanzlers Otto von Bismarck aus dem Jahr 1890. Drei Jahre später wurde Tenniel zum „Knight“ geschlagen.

Also, meine lieben Alices, kommt gut durchs Wunderland. Liebe Grüße eure Alice, äh Rächerin der Kunst.

https://de.wikipedia.org/wiki/Alice_im_Wunderland

https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Carroll

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Tenniel

https://de.wikipedia.org/wiki/Cheshire_Cat

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