Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

### Von: LuckyMe

Der Begriff KULTUR erscheint mir interessant.

Für die meisten Menschen ist er positiv besetzt – für Frauen wie Männer gleichermaßen. Ähnlich wie der Begriff NATUR oder MENSCH. KULTUR bezieht ihre positive Wertung vermutlich aus der Unterscheidung zur BARBAREI. Wir sind Kultur-Menschen, haben uns abgesetzt von der Barbarei. Wir sind kultiviert. Wir haben sogar die Natur kultiviert. Vielleicht fürchten wir insgeheim den Rückfall in die Barbarei. Das Chaos. Den Untergang der Kultur.

Der Begriff der Kultur scheint den Schrecken bannen zu wollen, der mit der Ausbreitung des Menschen auf dem Planeten verbunden ist. – Ja, wir sind Stolz auf die menschliche Kultur. Dabei vergessen wir sogar, dass es eigentlich keine menschliche ist, sondern eine männliche. Das Männliche dominiert seit Jahrtausenden alle kulturellen Bereiche. Das Weibliche fügt sich in den männlichen Kulturraum ein. – Das Menschliche zeigt uns eigentlich ein erschütternd ungleiches, verzerrtes und letztlich fragliches Gesicht. – Was stimmt hier eigentlich nicht? Kulturell gesehen?

Würden wir uns den Zustand des Planeten und der Biosphäre von außerhalb anschauen, dann würden wir vermutlich von einem Herrschaftsraum der Barbarei ausgehen. Das Ausmaß der Zerstörung und des Leidens ist erschreckend. Selbst die riesigen Ozeane des schönen Blauen Planeten sind verseucht und als Lebensräume gefährdet. Ist das alles die Folge einer „unmenschlichen“ Barbarei oder einer „menschlichen“ Kultur? – Zumindest einer männlichen?

Es kommt mir nicht darauf an, Begriffe zu verschieben oder Behauptungen aufzustellen. Ich möchte den Begriff der KULTUR oder den des MENSCHEN nicht diffamieren. – Es braucht anscheinend ein neues Kulturverständnis – einen offenen unerschütterlichen Blick, der das Bild nicht fürchtet, das sich ihm zeigt. Und der sich nicht in die Knie zwingen lässt. – Ein neues, ein luzides Kultur-Verständnis und Menschen-Verständnis also.

Woher nehmen wenn nicht stehlen? – Jeder kennt diesen blöden Spruch. Man benutzt ihn wenn die Gedanken, die Fragen und alle Bemühungen ins Leere laufen – und greifen.

Ich glaube, dass wir den Menschen und den Prozess der Kultur-Entfaltung nicht allein aus der Kultur heraus verstehen – und uns nicht allein kulturell organisieren können. Es braucht ein evolutionäres Verständnis. In einem integralen Sinn meint Evolution nicht nur die biologische Evolution, sondern auch eine seelische, mentale und geistige. Wir können den Menschen als Protagonisten einer Evolution verstehen, die verschiedene Dimensionen hervorgebracht hat. Die meisten dieser Dimensionen sind unsichtbar. Ein Mysterium der All-Verbundenheit. – Es ist ein Mysterium, weil es nicht kulturell oder bewusst organisiert ist. – Eigentlich müssten wir die unsichtbaren Dimensionen des Lebens als das Unterbewusstsein der Kultur betrachten.

Vielleicht macht es Sinn, Evolution als eine schöpferische transformatorische Kraft zu sehen, die, ebenso wie die Kultur – nur weit tiefgreifender, elementarer und mehrdimensionaler – ein Entfaltungs-Geschehen in Gang gesetzt hat. Der Mensch und die Menschheit sind das Produkt eines kosmischen Entfaltungs-Prozesses, der ein bewusstes biologisches Wesen hervorgebracht hat, das sich mit kosmischen und universellen Fragen beschäftigt. Sie gehen über die Beherrschung eines biologischen und kulturellen Lebensraums weit hinaus.

Von Albert Einstein ist der Satz überliefert, man kann die Probleme nicht auf der Ebene lösen, auf der sie sich stellen. Bedeutet das, dass wir die Probleme, die sich auf der biologischen und kulturellen Ebene stellen – etwa das Überleben der Menschheit in dieser Biosphäre – nicht auf dieser Ebene lösen können?

Auf welcher Ebene dann? – Auch hier stellt sich wieder die Frage: Woher nehmen wenn nicht stehlen?

Ich denke es ist offensichtlich, dass unser modernes Kulturverständnis nur die kulturelle Oberfläche erfasst. Gemessen am universellen und kosmologischen Verständnis früherer Kulturstufen – und einzelner Subjekte – hat uns der wissenschaftliche Materialismus der Moderne in ein eindimensionales Weltbild geführt. Die Welt ist wieder zur Scheibe geworden. Und wir drängen uns immer enger zusammen an ihrem Rand.

Wenn wir uns nicht von dem Bild in die Knie zwingen lassen wollen, das uns die „Barbarei unserer technischen Zivilisation“ bietet – und auch die Schreckensaussichten unserer biosphärischen Zukunft – dann müssen wir vielleicht unseren Blick erheben.

Das können wir nur als Einzelne tun. Es geschieht im Subjekt bevor es sich in der Kultur auswirkt. Und siehe da: hier sind Männer wie Frauen gleichermaßen gefragt. – Wenn es auf der Ebene der Kultur keine Gleichheit gibt, wo finden wir sie dann? Vielleicht ist eine Kultur der Ungleichheit schlichtweg indiskutabel. Man müsste sich eigentlich nach Alternativen umschauen, wenn man das ganze nicht für alternativlos halten will. Wenn wir keine wirklichen Alternativen auf der Ebene der Kultur finden, wo dann? – Auf der Ebene des Subjekts? Das Subjekt erscheint mir ziemlich mutlos und angepasst. Es kultiviert am ehesten noch seine Illusionen und Komfortzonen. Aber wir ahnen es bereits, das Subjekt verliert gerade seine Deckung. Es ist gefragt und gemeint. In der Evolution des Subjekts zum SELBST treten uns die Alternativen gegenüber.

Den Blick erheben also. Mir fallen spontan einige positive Begriffe ein, die vielleicht etwas „kulturfremd“ klingen:

LIEBE FREIHEIT MITGEFÜHL FREUDE MUT OFFENHEIT EINHEIT SINN

Es sind Erfahrungen des Subjekts.

Ich glaube in jedem Fall, dass uns das Erschrecken nicht erspart bleibt. Es scheint, dass das Subjekt seinen Blick nur befreien kann, wenn es durch das Erschrecken hindurchgeht. Wenn es sich die Vergegenwärtigung der Wirklichkeit zumutet – und von seinen Illusionen verabschiedet. Es wird schon irgendwie gut werden… Das wäre das Ende. – Es gibt keine radikalere Intervention des Subjekts als die, den Blick zu erheben. Und auch dies gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Gleiche Partner des offenen unerschütterlichen Blicks. Das wäre eine radikale Partnerschaft – und zugleich eine höchst subtile.

Die gegenwärtige Kultur geht diesen Weg nicht. Sie hat den SINN aus den Augen verloren, als sie sich dem ZWECK verschrieb. – Die Zukunft wird im Subjekt geboren. In mir und dir. – Ich vermute, dass es das Zweck-Denken ist – ein kultureller und mentaler Pragmatismus des Machbaren, der sich für alternativlos hält – der nun mehr und mehr ins Leere greift. Seine Methoden versagen. Seine Perspektiven kollabieren. Seine klaustrophobischen Horizonte lassen kaum mehr Raum für eine lebbare und lebenswerte Zukunft.

Ich glaube, wir finden im Hintergrund und Untergrund der kulturellen Oberfläche (Ken Wilber, der integrale Denker, Forscher und Mystiker nennt sie das Flachland) – also wenn man so will im Unterbewusstsein der Kultur – Spuren und Strömungen, die uns den Weg erkennen lassen.

Ich glaube, dass die „Erfindung der Zukunft“ keine technologisch-wissenschaftliche sein wird. Unsere evolutionäre Zukunft scheint eine weitaus radikalere zu sein. Wir können das transformatorische Potential der Menschheit wohl nicht an einer „Kultur“ ablesen, die Ausdruck einer männlichen und mentalen Dominanz ist, einer technologischen Ordnung der Macht. – Vielleicht aber an ihren transformierten integralen Subjekten.

Ich wage die Behauptung, dass die Geschichte der Zukunft schon geschrieben ist. Zumindest als Geschichte. Als Narration. Narrationen geben uns eine Orientierung. Das Buch der Menschheits-Geschichten liegt aufgeschlagen vor uns. Jede von ihnen ist ein Teil der Erfindung der Zukunft – wenn wir sie zu lesen verstehen in einem luziden Sinn.

Ein luzides, ein waches, ein unerschrockenes offenes Subjekt also. Erkenne dich selbst. Das stand über dem Tempel von Delphi. „Unerschrocken“ meint zu erschrecken (auch vor sich selbst) aber den MUT nicht zu verlieren. Die LIEBE nicht zu verraten. Die FREIHEIT nicht zu fürchten. Das MITGEFÜHL nicht zu verweigern. OFFENHEIT zu wagen. Der FREUDE dem SINN Raum zu geben. Die EINHEIT allen Lebens zu ehren.

MITAKUYE OYASSIN – heißt es bei den nord-amerikanischen Natives.

FÜR ALLE MEINE VERWANDTEN

Wir ahnen es bereits. Diese Alle meint wirklich Alles. Verwandtschaft meint lebendige Verbundenheit. Hier drückt sich ein Ganzheitsgefühl für alles Lebendige aus. Ein Ganzheits-Bewusstsein.

Wenn dieses Ganzheitsbewusstsein im Subjekt erwacht, dann zeigt sich die ganze Radikalität der Evolution. Sie „will“ anscheinend Alles in Einem. In Jedem.

Ja, wir ahnen es bereits, dass eine Kultur der Alternativlosigkeit, der Ausschließlichkeit, Abgrenzung und Ausgrenzung, der Ungleichheit und Dominanz nicht überlebensfähig ist. Die Erfindung der Zukunft geschieht im Subjekt das sich zum Selbst entfaltet. Es schlüpft aus der Kultur wie aus einem Kokon der zu eng geworden ist. Es sucht die FREIHEIT in der OFFENHEIT der BEWUSSTHEIT. Es findet den SINN in der Entgrenzung der LIEBE. Es fühlt die FREUDE der EINHEIT.

Beinahe kann es einem so vorkommen, dass die Menschheit am Übergang in eine neue Epoche steht. Das Alte hat ausgedient. Man müsste sie eigentlich post-kulturell nennen. Es ist der Schritt vom Post-Konventionellen zum Post-Kulturellen. Der ganze Laden macht dicht. Das Komplott der kulturellen Konventionen löst sich auf. Die Verwirrung der Welt endet hier. – Wir brauchen nur noch den Blick zu heben.

ME FACING YOU FACING ME // YOU FACING ME FACING YOU

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