Nachdenken über Kultur und Kunst in diesen Zeiten

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.
(chinesisches Sprichwort)

Kultureinrichtungen und Kulturschaffenden geht es dieser Tage nicht gut. Was die Kulturschaffenden vor allem beklagen ist die mangelnde Wertschätzung, die dem Kulturbereich seitens der Politik entgegengebracht wird. Während Menschen wieder in voll besetzten Flugzeugen ins Ausland reisen, fehlen den Bühnen, Galerien, Kinos und Museen trotz gut durchdachter Hygienekonzepte die Öffnungsperspektiven.

Sind kulturelle Erzeugnisse verzichtbar? Und was verstehen wir eigentlich unter Kultur?

Menschen bevölkern den gesamten Planeten und siedeln an den unwirtlichsten Orten. Das können sie nur, weil sie in der Lage sind, sich auf die jeweiligen Umweltbedingungen einzustellen. Das, was wir Kultur nennen, ist die Art und Weise, wie die Menschen unter diesen Bedingungen leben, also wie sie sich ernähren, welche Behausungen sie bewohnen, wie ihre Gemeinschaften organisiert sind, um nur einige Beispiele zu nennen. Es liegt auf der Hand, dass die vielfältigen Lebensbedingungen eine Vielfalt an Kulturen hervorgebracht haben. Und es liegt ebenfalls auf der Hand, dass sich Kulturen verändern, wenn sich die äußeren Bedingungen verändern. Das können klimatische Veränderungen sein oder auch ein exponentielles Wachstum der Bevölkerung, wie wir es seit dem Entstehen der Landwirtschaft erleben. Die vielfältigen kulturellen Anpassungen haben ihren Ursprung in der kreativen Natur des Menschen und beruhen im Wesentlichen auf der menschlichen Vorstellungskraft.

Die Kultur, in der wir aufwachsen, vermittelt uns ein Weltbild, das uns in der Regel ein Leben lang begleitet. Es prägt unsere Wahrnehmung und unsere Beziehung zur Welt und mehrheitlich sind wir erst dann bereit, es zu hinterfragen, wenn die äußeren Bedingungen uns keine andere Wahl lassen. Das erklärt vielleicht, warum so viele Erkenntnisse, die wir den Wissenschaften zu verdanken haben, Jahrzehnte brauchen, um ins öffentliche Bewusstsein zu gelangen und sich in unserer Lebensweise widerzuspiegeln.

Die Esskultur eignet sich in besonderer Weise, um kulturellen Wandel sichtbar zu machen. Dieser Bereich unserer Kultur ist auch deshalb interessant, weil unsere Ernährungsgewohnheiten Auskunft über unsere Beziehung zur (nicht-menschlichen) Welt geben. Ich denke dabei an die stillschweigende Akzeptanz der Massentierhaltung. Deren Grausamkeit und Klimaschädlichkeit ist gegenwärtig auch in den Medien ein großes Thema. Der Fleischkonsum ist hierzulande in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt experimentierfreudige Köch*innen und Ernährungswissenschaftler*innen, die uns von tief im Unterbewusstsein verankerten falschen Annahmen befreien. Während Wissenschaftler*innen Nahrungsmittel im Hinblick auf unsere Gesundheit erforschen, ist das Anliegen von Köch*innen, Nahrung (auch fleischlose) so zuzubereiten, dass die Nahrungsaufnahme auch in Zukunft ein sinnliches Erlebnis bleibt.

Wissenschaft und Kulturschaffen gehen immer und überall Hand in Hand. Und an dieser Stelle ist mir wichtig zu betonen, dass wir alle Kulturschaffende sind, insofern wir auf der Grundlage unserer Erfahrungen und der Informationen, die uns zugänglich sind, unsere Verhaltensweisen modifizieren und neue Gewohnheiten etablieren, die dann vielleicht irgendwann kultureller Standard werden.

Daran, dass sich unser Blick auf die Welt verändert, haben viele Akteur*innen aus unterschiedlichen Disziplinen ihren Anteil. Da sind diejenigen, die forschen und Neues zu Tage bringen, diejenigen, die darüber schreiben, Filme machen oder in Talk Shows auftreten, damit die Neuigkeiten Verbreitung finden, und ganz wichtig: Menschen, die sich Gedanken darüber machen, was die Erkenntnisse für ihr eigenes Leben, ihren Alltag bedeuten und mit neuen Gewohnheiten experimentieren. Also wir alle. Da sind die Künstler*innen, die mit uns teilen, wie sie die Welt wahrnehmen und uns für den Moment verzaubern, verwirren, etwas in uns auslösen, uns zum Nachdenken anregen und/oder neue Perspektiven aufzeigen.

Kulturschaffen ist ein lebendiger Prozess, der Akteur*innen braucht, die sich gegenseitig inspirieren. Kreative Energie braucht Impulse.

In der Corona-Zeit hat mir die Lektüre interessanter Texte sehr dabei geholfen, nicht zu vereinsamen und nicht zu vergessen, dass wir mitten in einem Prozess stecken, in dem jede*r von uns auf ihre/seine Art Einfluss auf den Verlauf nehmen kann. In einer Zeit, in der es in den Medien kaum ein anderes Thema als die Pandemie gibt, haben mich Autor*innen mit auf die Reise zu den Anfängen der Menschheit genommen, mich an ihren Naturerfahrungen teilhaben lassen und meine Neugier auf die Welt lebendig gehalten. Kulturelle Erzeugnisse (derzeit vor allem frei zugängliche wie Bücher, Filme, Radio- und Blogbeiträge) sind in dieser Zeit wichtiger denn je, denn sie können die Gedanken in eine konstruktive Richtung lenken, während beinahe jedes Gespräch, ob im Freien oder am Telefon nach kurzer Zeit um das Thema Corona kreist. Unser Blick hat sich verengt und sinnliche Ereignisse sind rar geworden. Deshalb sind Inspirationen ein Lebenselexier.

Sinnliche Erlebnisse sind immens wichtig. Das Gehirn braucht Momente der Absichtslosigkeit und der Stimulation, damit neue Verknüpfungen und neue Bilder entstehen können.

Der Kulturbereich schafft solche Räume, die schöpferisches Denken ermöglichen.

Irgendwann wird Corona aus den Schlagzeilen verschwunden sein. Das ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit, unsere Lebensgewohnheiten radikal zu verändern. Gut, dass bereits jetzt viele Menschen neue Ideen und Konzepte entwickeln und erproben. Künstler*innen und Forscher*innen sind dafür prädestiniert, Impulse zu setzen. Ihre Haltung ist die von Suchenden.

„Jeder schöpferische Akt ist eine Auflehnung gegen die Wirklichkeit, die uns vertraut ist. Wer die Welt verändern will, muss imstande sein zu sehen, was nicht ist aber sein könnte.“ ( Stefan Klein, Wie wir die Welt verändern)

Bedauerlicherweise glauben immer noch zu viele Menschen, dass es besonderer, angeborener Fähigkeiten bedarf, um an der Mitgestaltung der Welt teilzuhaben. Man hat uns beigebracht, dass es zwei Arten von Menschen gibt: auf der einen Seite ganz wenige Begabte, die sogenannten Leistungsträger*innen der Gesellschaft (meist Männer) – auf der anderen Seite die große Masse der durchschnittlichen Bürger*innen, deren Mitwirkung im großen und ganzen darin besteht, „die Mühle am Laufen zu halten“.

1981 habe ich, zusammen mit einem Freund, in den Rheinhallen der Kölner Messe die beeindruckende Ausstellung „Westkunst“ besucht. Gezeigt wurde zeitgenössische Kunst nach 1939 und vertreten war alles, was in der Kunstszene „Rang und Namen“ hat. Im Eingangsbereich hing unübersehbar eine große Schrifttafel, auf der zu lesen war:

„Jeder Mensch ist ein Künstler.“ (Joseph Beuys)

Ich erinnere mich, dass wir eine rege Diskussion geführt haben. Im Kern ging es um die Frage, wer sich „Künstler*in“ nennen darf, beziehungsweise was eine(n) Künstler*in ausmacht. In einer Gesellschaft, die auf Vergleich und Konkurrenz setzt und in der jeder Mensch etwas Besonderes sein möchte (inklusive der entsprechenden gesellschaftlichen Anerkennung in Form von Ruhm und Geld) muss Erfolg exklusiv sein.

Heute, 40 Jahre später, scheint sich in unserer Denkweise ein Wandel abzuzeichnen. Wir beginnen zu begreifen, dass Intelligenz und Kreativität weniger auf genetische Anlagen zurückzuführen sind als auf die Erfahrungen, die ein Mensch macht, und welche Möglichkeitsräume ihm sein Umfeld eröffnet. Dabei spielt das soziale Miteinander eine entscheidende Rolle.

„Ideen machen den Menschen zum Menschen. Aber woher kommen unsere Ideen? Der schöpferische Verstand, der uns gegenüber allen Geschöpfen der Natur und gegenüber künstlichen Intelligenzen hervorhebt, gilt immer noch als die rätselhafteste Eigenschaft unseres Wesens. (…) Nun aber zeigen Hirnforschung, Kognitionswissenschaften und neue archäologische Funde aus der fernen Vergangenheit, was uns einfallsreich macht: Ideen entstehen nicht in einzelnen Köpfen, sondern in unserem Zusammenleben. Kreativität lässt sich entfesseln.“ ( Stefan Klein, Wie wir die Welt verändern)

Wir brauchen einander und gemeinsame Aktivitäten und Herausforderungen, um unser Potenzial zu entfalten und unseren spezifischen Beitrag zu leisten. Jeder Mensch ist ein Unikat. Ebenso jedes andere Lebewesen auf diesem Planeten. Die Lebensprozesse auf der Erde erschaffen als Resultat permanenter Vermischung eine schier unerschöpfliche Fülle von Lebenswelten. Man spricht derzeit auch von der Koevolution von Pflanzen, Tieren und Menschen.

Ich bin dankbar dafür, in einer Zeit zu leben, in der immer mehr Menschen das Bedürfnis spüren, sich selbst als Teil eines globalen Netzwerks des Lebendigen zu erfahren. Das sind wir immer gewesen. Allerdings erzeugt die Lebensweise der letzten Jahrhunderte ein Gefühl des Getrennt-Seins, eine Aufteilung in wertvolles und wertloses Leben, in Herrschende und Beherrschte.

Es ist jetzt an uns, zu entscheiden, welchen Weg wir einschlagen. Wir können uns darauf besinnen, dass Kooperation uns als Spezies so erfolgreich gemacht hat. Wir können beginnen, uns selbst mehr zu vertrauen und uns einzubringen. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Das Internet ermöglicht einen nie zuvor dagewesenen Austausch mit der ganzen Welt – in Echtzeit. Informationen verbreiten sich in Windeseile. Jede*r kann sich zu Wort melden. Überall entstehen Bewegungen „von Unten“, die vor allem eines fordern: die Teilhabe an den wichtigen Entscheidungen, die uns alle betreffen. Weltweit versuchen Menschen, sich der autokratischen Machthaber zu entledigen. Aber so leicht ist es eben nicht, die patriarchalen Strukturen zu überwinden. Rückschläge sind vorprogrammiert.

Und dennoch – der Geist ist aus der Flasche.

Wie einst die Erfindung des Buchdrucks zur Verbreitung von Wissen beigetragen und die Gesellschaften nachhaltig verändert hat, so läutet jetzt die Digitalisierung ein neues Zeitalter ein.

Wie alles hat natürlich auch die inflationäre Verbreitung von Informationen Schattenseiten. Ein „zu Viel“ kann leicht zur Überforderung führen und wir können dem Sog erliegen, von einer Information zur nächsten zu springen, ohne uns mit einem Thema intensiver zu beschäftigen. Und wenn sich jede*r zu Wort melden kann sind „Fakenews“ unvermeidbar. Gerade deshalb sind Debattenräume so wichtig.

„Was wir benötigen, sind keine verordneten Formeln, keine vorgekauten simplen Antworten, sondern inklusive, transparente Diskussionen um die Zukunft unserer Gesellschaft.“ (Kübra Gümüşay, Sprache und Sein)

Ich sehe uns am Scheideweg. Der Wind der Veränderung rüttelt mächtig an den Grundpfeilern unserer christlich geprägten Kultur. Die Wissenschaft stellt klar, dass der Begriff „Rasse“ ein unbrauchbares Konstrukt ist. Es gibt nur eine Menschheit. Menschen, unterscheiden sich voneinander, weil sie sich jeweils optimal an ihre Umwelt angepasst haben.

Die Geschlechterrollen werden von immer mehr Menschen als zu einengend empfunden, die Sprache verändert sich, das Gendern wird zusehends selbstverständlicher. Vermutlich wird das Gendern überflüssig, wenn das Anliegen dahinter in der Gesellschaft angekommen ist. Der Missbrauchsskandal in der Kirche offenbart, dass das Festhalten an einer Moral, die wider die (menschliche) Natur ist, fatale Konsequenzen hat, wie auch die die falsche Annahme, dass der Mensch über der Natur stehe, und „sich die Erde untertan“ machen solle. Wohin das geführt hat sehen wir heute in aller Deutlichkeit.

Diese große Desillusionierung eröffnet einen Möglichkeitsraum, den wir als Kulturschaffende mitgestalten können.

Wir alle. Mit den Entscheidungen, die wir täglich treffen.

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