Luftschlösser oder Paradigmenwechsel?

Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, I can hear her breathing.”
(Arundathi Roy)

«Leben heißt Atmen, denn unser Bezug zur Welt ist nicht der des Hineingeworfen-Seins, des Innerhalb-der-Welt-Seins und auch nicht der des Herrschens eines Subjekts über ein Objekt, das ihm gegenüberliegt: In-der-Welt-Sein heißt, ein transzendentales Eintauchen zu erfahren. Eintauchen – dessen ursprüngliche Dynamik der Atem ist – definiert sich als gegenseitige Verschränkung».
(Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt – Eine Philosophie der Pflanzen)

Am Anfang waren die Pflanzen, die eigentlichen Erschafferinnen unserer Welt. Sie erzeugen die Atmosphäre (Luft), die das vielfältige Leben auf der Erde ermöglicht.

Noch immer betrachten wir, in unserem Kulturkreis, Pflanzen als gefühllose Objekte und nicht als Lebewesen. Im Internet habe ich ein Zitat von Robin Wall Kimmerer, Pflanzenökologin, Angehörige des Stamms der Potawatomi, gefunden, das verdeutlicht, dass Pflanzen in anderen Kulturen (noch immer) hohes Ansehen genießen.

«In some Native languages the term for plants translates to „those who take care of us.» (In einigen Sprachen der Ureinwohner bedeutet der Begriff für Pflanzen übersetzt «diejenigen, die sich um uns kümmern»). Robin Wall Kimmerer

Große Teile der Menschheit haben im Laufe der Jahrhunderte aus dem Blick verloren, dass in der Natur alles miteinander verbunden ist und die Interaktion und Durchdringung verschiedener Lebensformen die Grundlage des komplexen Ökosystems Erde ist. Es macht keinen Sinn, das Element Luft, isoliert zu betrachten. Vielmehr ist es gerade die Luft, die uns alle miteinander verbindet und unterschiedliche Formen der Kommunikation ermöglicht – zum Beispiel über Schallwellen, das elektromagnetische Feld oder die Verbreitung von Pheromonen (Duftmolekülen). Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der andere Lebewesen eine untergeordnete Rolle spielen. Mit fatalen Folgen für uns selbst. Das Fremdwort dafür lautet „Anthropozentrismus“.

Aber unser hierarchisches Weltbild verändert sich. In vielen Bereichen der Wissenschaften findet ein Perspektivwechsel statt, der auf längere Sicht unser Verhältnis zur Natur verändern wird. Schon jetzt stellen immer mehr Menschen den Umgang mit Pflanzen und Tieren in Frage. Die Stimmen derer, die sich für gesetzlich verbriefte Rechte von Tieren und Pflanzen einsetzen, werden lauter. Und das ist gut so, denn das Artensterben trifft uns Menschen nicht nur tief ins Herz, sondern hat auch Auswirkungen auf die Überlebenschancen der Spezies Mensch.

Es liegt was in der Luft

In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass überall auf der Welt Bewegungen entstehen, die Veränderungen einfordern: Arabischer Frühling, Fridays For Future, Black Lifes Matter, Me Too – alle diese Bewegungen sind keine lokalen Ereignisse, sondern finden gleichzeitig auf verschiedenen Kontinenten statt. Sie richten sich gegen strukturelle Benachteiligung, Unterdrückung und die Zerstörung der Umwelt. Das Bedürfnis nach grundlegenden Veränderungen scheint „in der Luft zu liegen“, die Zeit ist reif. Was diese Bewegungen verbindet, ist nicht nur die Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit, sondern auch die Erkenntnis, dass sich die Probleme nur grenz- und kulturübergreifend lösen lassen.

Ich sehe viele Anzeichen für einen Paradigmenwechsel in der Welt. Die bereits erwähnten neueren Erkenntnisse in den Naturwissenschaften und die allmähliche Öffnung für einen interdisziplinären Dialog bereiten den Weg für ein neues Weltbild, das ein Universum entwirft, das bis in die einzelne Zelle hinein von Intelligenz durchdrungen ist. Intelligente Zellen, miteinander kooperierende Lebewesen, elektromagnetische Felder, über die alles miteinander verbunden ist – das ist eine deutlich andere Vorstellung als das mechanistische Weltbild, das unseren Kulturkreis seit dem 16. Jahrhundert dominiert.

Und sie ist inspirierend, weil sie nahelegt, dass wir mit unserem Bemühen, „das Klima zu retten“, nicht alleine dastehen. Zahlreiche Aufforstungsprojekte zeigen, dass sich die Ökosysteme, dank „Mitarbeit“ der Pflanzenwelt, insbesondere der Bäume, schneller als gedacht, wieder erholen.

Resilienz

In einer Zeit, in der die Menschen vor großen Herausforderungen stehen, ist „Resilienz“ zu einem wichtigen Begriff geworden. Er bezeichnet die Fähigkeit, außergewöhnliche Anforderungen und schwierige Situationen ohne negative Folgen für die psychische Gesundheit zu bewältigen. Resilienz ist eine Voraussetzung dafür, dass wir fähig sind, den Wandel, der sich nicht aufhalten lässt, aktiv mitzugestalten. Deshalb halte ich die Frage, was wir tun können, um unser inneres Gleichgewicht zu erhalten für eine zentrale Frage.

Ein zugewandtes und unterstützendes soziales Umfeld, das Sicherheit und Geborgenheit bietet, ist sicher ein entscheidender Faktor. Aber auch eine Kultur, die Räume schafft, in denen sich Menschen angstfrei begegnen und austauschen können. Mir fallen eine ganze Reihe weiterer Faktoren ein, die ich mit Resilienz in Verbindung bringe: Neugier, Enthusiasmus, Kreativität, Inspirationen, Visionen, Zugang zu Orten in der Natur und die Fähigkeit, zu entspannen. Eine Kulturtechnik, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, ist die Meditation – die bewusste Verbindung mit „unserem Element“, der Luft. Das Atmen hilft dabei, zur Ruhe zu kommen und – regelmäßiges Meditieren stärkt nachweislich das Immunsystem.

In einer betriebsamen Welt, in der etliche Akteure um unsere Aufmerksamkeit buhlen, bietet die Meditation einen Frei-Raum, in dem wir das Eingetaucht-Sein-in-die-Welt sinnlich erfahren können.

Wir haben es derzeit mit einer ganzen Reihe bedrohlicher Szenarien zu tun, allen voran die Klimakrise und das Artensterben, weltweite kriegerische Auseinandersetzungen um die verbliebenen Ressourcen und neuerdings auch Viren, mit deren vermehrtem Auftreten wir ab jetzt rechnen müssen, weil das Ökosystem Erde durch unseren Raubbau stark gelitten hat. Dem Schriftsteller August Strindberg wird der Satz zugeschrieben: „Die ganze Kultur ist eine große, endlose Zusammenarbeit“. Gilt das nicht gleichermaßen für das komplexe Ökosystem Erde?

Wir haben jetzt die Chance, unsere Beziehung zur lebendigen Welt zu erneuern. Und es gibt viele Beispiele dafür, wie das gelingen kann. In dem Bereich „Literatur“ stelle ich eine Auswahl inspirierender Bücher vor, die Lust machen, sich auf konstruktive Weise mit dem Thema „Wandel“ auseinanderzusetzen. Ich bin davon überzeugt, dass eine neue Wissenschaftskultur, die sich an der Intelligenz der Natur orientiert und der Natur eine „Akteurfunktion“ zugesteht, Teil der Lösung sein könnte. Vorausgesetzt es findet ein Bewusstseinswandel statt und das gemeinsame Ziel ist dann eine globale Zusammenarbeit, die das gesamte Ökosystem im Blick behält.

Große Veränderungen kommen nicht aus heiterem Himmel. Sie kündigen sich lange vorher an. Die Menschheit steht zum vierten Mal in ihrer Geschichte vor einer „Revolution des Denkens“.

Die Luft ist unsichtbar aber kein leerer Raum. In ihr und durch sie bewegen sich unendlich viele winzigste Teilchen – Atome, Moleküle, Bakterien, Viren – die so genannten Aerosole. Die Luft ermöglicht ein lebensnotwendiges Wechselspiel zwischen Teilchen und Lebewesen, die einen regen Austausch von Informationen betreiben und sich permanent erneuern. Was wir als feste Körper wahrnehmen, sind eigentlich Körper in fließender Bewegung.

Dank der Erfindung des Elektronenmikroskops, können Wissenschaftler*innen seit einigen Jahrzehnten die „winzigen Gefährten“, die unsere Welt bevölkern, sehen und erforschen. Daher haben wir jetzt die Gewissheit, dass die Existenz fester Körper eine Illusion ist. Das ganze Ausmaß dieser Erkenntnis ist noch gar nicht bei uns angekommen.

Eine neue Normalität?

Ein unsichtbares Teilchen, das Virus, das seit Anfang 2020 die ganze Welt in Atem hält, hat unser Leben auf eine Weise verändert, die wir bis dahin nicht für möglich gehalten hätten. Wir leben jetzt seit über einem Jahr im Ausnahmezustand. Die Luft, unser wichtigstes „Lebensmittel“, ist zur Gefahrenzone geworden, Kontaktvermeidung das Gebot der Stunde.

Welche Folgen hat das für unsere Psyche? Wie steht es um unsere Resilienz?

Ich stelle fest, dass es schwieriger geworden ist, miteinander zu reden. Mit meiner Einschätzung stehe ich nicht alleine da. Seit geraumer Zeit fehlen die Räume, die dazu beitragen, ein Wir-Gefühl zu entwickeln und sich auszutauschen. Wir brauchen aber die Perspektive der anderen.

Diese „Sprachlosigkeit“ beunruhigt mich. Wie konnte ein Klima von Misstrauen und Unterstellungen entstehen, das davon geprägt ist, Andersdenkende sprachlich zu diffamieren und sie pauschal in die rechte Ecke zu stellen? Ich frage mich, wie wir da wieder rauskommen.

Pflanzen spüren, ob wir ihnen wohlgesonnen sind. Anders herum senden sie Botschaften aus, die sich auf uns auswirken. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir in der Gegenwart von Pflanzen zur Ruhe kommen und sogar Heilungsprozesse beschleunigt werden. Interessant ist, dass Kommunikation in großen Teilen unbewusst stattfindet.

Fraglos sind wir miteinander verbunden und nutzen gemeinsame Kanäle, um uns aus-zutauschen. Das verbindende Medium ist die Luft. Austausch und Vermischung sind die Grundlage aller kreativen Lebensprozesse.

Um das „geistige Klima“ ist es derzeit nicht gut bestellt. Viele Kanäle sind blockiert. Die Folgen sind Depression und Stagnation. Zwar sind wir alle auf irgendeine Weise von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen, doch sind die Auswirkungen, abhängig von den äußeren Umständen sehr verschieden. Viele Menschen haben in den letzten Monaten verloren, was ihr Leben bislang ausgemacht hat. Die Zahl derer, die unter Einsamkeit und Depressionen leiden, wächst. Allerdings nicht erst seit Ausbruch der Pandemie. Die Ursachen liegen also tiefer.

Den Hinweis auf die Qualität sozialer Kontakte finde ich bedenkenswert. Wir unterhalten uns ja nicht nur miteinander, um uns die Zeit zu vertreiben. Viele Gespräche werden geführt, um sich in Bezug auf ein Thema eine Orientierung zu verschaffen, den eigenen Standpunkt für sich selbst klarer herauszuarbeiten, zu hinterfragen, mit anderen Standpunkten abzugleichen. „Meinungsbildung“ ist ein andauernder Prozess, in dem wir bestenfalls offen bleiben für andere Perspektiven und überzeugende Argumente und uns auf neue Ideen bringen lassen.

Kulturschaffende betonen derzeit immer wieder, zu Recht, dass sie die für uns Menschen unverzichtbare „geistige Nahrung“ zur Verfügung stellen und zur Resilienz beitragen. Und sie beklagen, dass diese wichtige Aufgabe der Kultur in der derzeitigen Krise zu wenig wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Zugespitzt lässt sich feststellen, dass wir als Gesellschaft die Bedeutung einer positiven, bejahenden Lebenseinstellung, sowie Anregungen für den Geist, im Hinblick auf Gesundheit, Kreativität und persönliche Entwicklung nicht ausreichend in den Blick nehmen. Und beides brauchen wir, wenn wir uns den Herausforderungen stellen wollen, die der Wandel mit sich bringt.

Die aufgeheizte Stimmung, die Art und Weise, wie wir derzeit miteinander umgehen ist ein deutlicher Hinweis auf einen Mangel an Vertrauen und Zuversicht einerseits und ein Übermaß an Angst andererseits.

Krisen konfrontieren uns mit außergewöhnlichen Umständen. Manchmal auch mit solchen, die so noch nie dagewesen sind. Es gibt dementsprechend keine übergeordnete Instanz, die über ein vollständiges Bild verfügen würde. Umso wichtiger ist das gemeinsame Nachdenken, der breite gesellschaftliche Diskurs.

Und jetzt?

Zweifellos mussten wir uns in den letzten Monaten von vielen, teils liebgewonnenen, Gewohnheiten verabschieden. Dadurch sind aber auch neue Freiräume entstanden. Wir konnten erleben, dass Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit positive Effekte auf die Umwelt hatten. Saubere Luft an Stelle von Smog, die Erholung von Gewässern, Vögel, deren Gesang differenzierter und komplexer wurde, nachdem sie nicht mehr gegen den Verkehrslärm ansingen mussten. Die Krise hätte auch ein Gutes, wenn sie dazu beiträgt, dass wir uns mehr Gedanken darüber machen, was im Leben wirklich wichtig ist, und der lebendigen Welt um uns herum wieder mehr Aufmerksamkeit schenken.

Ob Corona, Klimawandel oder Artensterben – wir Menschen sind mitverantwortlich für die gegenwärtigen Probleme. Und es gibt kein Entkommen. Das wird uns gerade gespiegelt.

Unser Heimatplanet Erde ist ein lebendiger Organismus, der eine Fülle von Lebensformen hervorgebracht hat, die sich gegenseitig in ihrer Entwicklung beeinflussen. So gerne wir es auch wären, wir sind nicht autonom. Ohne den Sauerstoff, den die Pflanzen erzeugen, würde es uns nicht geben. Ohne bestäubende Insekten bleibt uns nicht mehr viel Zeit, bevor wir verhungern.

Es gibt Menschen, die davon träumen, den Mars zu besiedeln und mit technischen Mitteln, eine Atmosphäre zu erzeugen, die tierisches Leben ermöglicht. Statt sich auf das Abenteuer einzulassen, wirklich intelligente Mitspieler*innen in diesem wunderbar komplexen „Netzwerk der Natur“ zu werden.

Noch ist nicht endgültig entschieden, wohin die Reise geht. Aber eine Herausforderung ist diese Reise in jedem Fall.

„(…)Deshalb brauchen wir umgehend eine weltweite Bewusstseinsrevolution. Wenn wir alle verstehen und akzeptieren, dass die Herausforderungen lebensbedrohlich sind, können wir unsere Erde noch retten und das Überleben unserer Spezies sichern – vielleicht!“
(Anders Indset, Quantenwirtschaft)

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