Der Maya Kalender und die Entwicklung des Bewusstseins (1)

Anfang der 2000er Jahre erhielt der Kalender viel Aufmerksamkeit, weil er angeblich das Ende der Welt vorhersagt. Nach dem Ausbleiben der Katastrophe am 21. Dezember 2012 ist er wieder weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Das ist bedauerlich, weil das weit verbreitete Missverständnis, das Ende der Kalenderaufzeichnungen im Jahr 2012 wäre gleichbedeutend mit dem Untergang der Welt, den Blick auf die eigentliche „Botschaft“ des Kalenders verstellt.

Nun ist der Mayakalender überaus komplex und der Tzolkin, mit dem ich mit seit zwei Jahrzehnten beschäftige, nur ein Aspekt des Kalenders. Es wäre vermessen, zu behaupten, eine „Expertin“ auf dem Gebiet zu sein. Gleichwohl möchte ich hier auf einige Aspekte näher eingehen, die möglicherweise dabei helfen können, die schwierige Zeit, in der wir leben, mit anderen Augen zu betrachten, aus einer – sagen wir – kosmischen Perspektive.

Wenn wir uns die Geschichte der Menschheit anschauen, dann sehen wir, dass entscheidende gesellschaftliche Veränderungen meist mit radikalen Brüchen einhergehen, oder anders gesagt, was vorher gültig war, wird als kompletter Irrweg betrachtet und eine Abkehr von bestimmten kulturellen Praktiken wird häufig mit drakonischen Strafen erzwungen.

Exemplarisch dafür ist die „von Oben“ verordnete Abkehr von der traditionellen Heilkräuterkunde, nachdem sich das Christentum in unserem Kulturkreis als gültige Weltanschauung durchgesetzt hatte. Bewährte Heilkräuter durften nicht mehr angewendet werden. Alternativ sollten nun einzig Gebete bei der Heilung helfen. Es ist kaum verwunderlich, dass die Menschen weiterhin Kräuter verwendeten – allerdings in aller Heimlichkeit. Und wehe denen, die erwischt wurden. Es ging bei diesen Verboten natürlich vor allem um die komplette Entwertung und Entmachtung einer zuvor einflussreichen Bevölkerungsgruppe. In Bezug auf unser Beispiel waren viele Betroffene Frauen – Heilerinnen – deren positive Rolle geradezu in ihr Gegenteil umgedeutet wurde. Aus Heilerinnen wurden Hexen. Betroffen waren natürlich nicht ausschießlich Frauen, aber insbesondere Frauen sollten ihren gesellschaftlichen Status für sehr lange Zeit einbüßen und ihren Einfluss verlieren.

In vielen Fällen haben diese erzwungenen Brüche, wie beabsichtigt, zu einer „kulturellen Amnesie“ geführt. Das bedeutet, dass ungeachtet seines Nutzens für die Gemeinschaft, Wissen unwiederbringlich ausgelöscht wurde und sich kaum mehr rekonstruieren lässt.

Ich denke, wir können uns glücklich schätzen, dass etliche indigene Kulturen trotz allem Teile ihres kulturellen Erbes bewahrt haben. Dadurch können wir, beziehungsweise Ethnolog*innen und Anthropolog*innen, in Verbindung mit der Auswertung archäologischer Funde, Gemeinsamkeiten ausmachen und eine Vorstellung entwickeln, wie unsere Vorfahren vermutlich gelebt und gedacht haben.

Überall auf der Welt, also auch im heutigen Europa, haben die Menschen über den längsten Zeitraum ihrer Geschichte in enger Partnerschaft mit der Natur gelebt. In ihrem Universum waren Pflanzen und Tiere Lebewesen, denen man mit Respekt begegnete. Die Erkenntnis, dass in der Natur alles mit allem in Beziehung steht und jedes Lebewesen eine Bedeutung für das Ökosystem hat, ist tief im kollektiven Bewusstsein der Menschheit verankert und es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit und nicht zuletzt des massiven Einsatzes von Gewalt, um die Illusion einer hierarchisch organisierten Schöpfung (mit dem Menschen an der Spitze) zu erzeugen.

Wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem ein Großteil der Weltbevölkerung in (Mega-) Städten lebt und kaum Kontakt mit der natürlichen Welt hat. Deshalb kommt es vielen Menschen zunächst vielleicht befremdlich vor, sich mit einem Zeichensystem wie dem Tzolkin zu beschäftigen, das sich auf Tiere und Naturphänomene (Krokodil, Wind, Nacht, Eidechse, Schlange, Tod, Hirsch, Kaninchen, etc.) bezieht, um energetische Qualitäten zu beschreiben, die im evolutionären Prozess eine Rolle spielen. Andererseits spielen Tiere auch heute noch eine große Rolle, wenn es darum geht, Kindern die Welt zu erklären. In den meisten Kinderbüchern sind die Protagonisten Tiere: der listige Fuchs, der schlaue Rabe, der ängstliche Hase, die manipulative Schlange, der loyale Hund – sie alle eignen sich hervorragend, um abstrakte Begriffe anschaulich zu machen und Gefühle zu erzeugen, über die die Botschaften der Geschichten in unserem Bewusstsein verankert werden.

Carl Johan Calleman schreibt über den Mayakalender: „Ein großer Wert des Mayakalenders liegt darin, dass er uns mit dem Wissen über Energien ausstattet, die die Evolution lenken. Er ist ein Werkzeug, das uns befähigt mit dem Fluss zu gehen.“

In seinem Buch vertritt er die These, dass es nicht der Mensch ist, der den Verlauf der Evolution bestimmt, sondern dass es kosmische Energien sind, die unser Denken und Fühlen beeinflussen. Genau genommen sind wir aus dieser Perspektive betrachtet ein Werkzeug der Evolution.

Der Mayakalender mit seinen verschiedenen Zählungen vermittelt ein tieferes Verständnis von Entwicklungsprozessen, die einem Muster folgen. Nehmen wir zum Beispiel die Entwicklung eines Menschen. Damit ein Mensch sein Potenzial voll entfalten kann müssen bestimmte Entwicklungsschritte vollzogen werden. Bei jedem dieser Schritte erfolgen neue Verschaltungen im Gehirn, die den nächsten Schritt ermöglichen. Wird ein Schritt ausgelassen, wirkt sich das auf die gesamte Entwicklung aus. Ein Kind, das aus irgendeinem Grund das Krabbeln auslässt und gleich mit dem Laufen beginnt, wird, so die Erfahrung von Entwicklungsphysiologen, Probleme im Bereich der Feinmotorik haben.

Das Wissen um diese Schritte ist eine hilfreiche Orientierung, zum Beispiel, wenn wir Kinder bei der Entfaltung ihres Potenzials unterstützen wollen. Es lässt sich aber auch auf andere Lebensbereiche anwenden, zum Beispiel auf Projekte. Die Kenntnis über die verschiedenen Stadien vom Potenzial über die konkrete Idee bis hin zu ihrer Manifestation in der realen Welt erfordert ein vertieftes Gewahrsein, oder anders gesagt – ein Bewusstsein, für das, was wir tun und was im Prozess der Gestaltwerdung zu berücksichtigen ist.

Eine solche Sichtweise relativiert die Schuldfrage. Wenn wir davon ausgehen, dass alle historischen Entwicklungen unvermeidbare Schritte auf dem Weg zur Entwicklung des Bewusstseins sind, dann ist ein Bestehen auf Schuldzuweisungen nicht hilfreich, weil es die Menschheit spaltet.

Das bedeutet nicht, dass Verbrechen wie Völkermord, Rassismus oder die Zerstörung der Umwelt nicht als solche erkannt und benannt werden müssen. Destruktive Handlungen bleiben destruktive Handlungen. Aber die Perspektive, die der Mayakalender anbietet, erlaubt es Menschen (und Kulturen) wieder aufeinander zuzugehen und gemeinsam die Verantwortung für die Zukunft der Menschheit zu übernehmen.

Mir hat der Kalender geholfen, abstrakten Begriffen wie Hingabe, Anmut oder Vergebung, Leben einzuhauchen, weil sie in ihrer Bedeutung im Hinblick auf unsere persönliche Entwicklung, aber auch im Hinblick auf globale Phänomene einen nachvollziehbaren Sinn ergeben.

Ich möchte das an einem Beispiel veranschaulichen.

Ihr Verständnis von Vergebung deckt sich mit der Qualität, die dem Begriff im Mayakalender zugewiesen wird. Vergeben heißt hier, aus der Opferrolle herauszutreten und sich die eigene (Gestaltungs-)Kraft zurückzuholen.

Im Mayakalender steht der Begriff Vergebung in enger Beziehung zur Qualität der „kosmischen Intelligenz“, Tageszeichen Eule oder Geier (abhängig von der geografischen Region), dem 16. der 20 Archetypen.

Es ist ein zusätzlicher Gewinn, dass der Mayakalender dazu anregt, sich mit den Eigenheiten und Qualitäten natürlicher Phänomene zu beschäftigen und dadurch die Verbindung zur natürlichen Welt wiederzubeleben. Heutzutage brauchen wir nicht mal in den Zoo zu gehen, um Tiere zu studieren. Es gibt reichlich Literatur und Film-Dokumentationen.

Fortsetzung folgt.


Literatur:

Carl Johan Calleman, Der Maya Kalender und die Transformation des Bewusstseins, EU Verlag

Kenneth Johnson: Die Weisheit des Jaguar, Hugendubel Verlag

Magda Wimmer: Die Maya. Weber der Zeit. Spieler des Universums, Goldmann Verlag

Internet

Saq‘ Be‘: Organization for Mayan and Indigenous Spiritual Studies

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