Plädoyer

Mit Herz und Verstand eine Kultur erschaffen, die dem Leben dient.

Ich entscheide mich dafür, den Wandel zu begrüßen, weil immerhin die Möglichkeit besteht, dass wir ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte schreiben, das sowohl uns selbst als auch unseren nichtmenschlichen Verwandten ein „artgerechteres“ und würdigeres Dasein ermöglicht.

Denn auch wenn wir in der „westlichen Welt“, den reichen Industrienationen, mehrheitlich davon überzeugt sind, dass wir die beste (humanste) aller bisher dagewesenen Kulturen geschaffen haben – demokratisch, sozial, basierend auf dem Grundsatz der Gleichheit und der Rechtsstaatlichkeit – es scheint etwas Entscheidendes zu fehlen.

Die wachsende Vereinsamung, eine Zunahme an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen schon im Kindesalter, die ungerechte Verteilung der Ressourcen innerhalb der Gesellschaften, aber auch innerhalb der Staatengemeinschaft, die wachsende Aggressivität im gesellschaftlichen Diskurs, die vielen bewaffneten Konflikte auf der Welt, das Leid der Nutztiere, das weltweite Artensterben – wollen und können wir uns damit abfinden?

Oder ist es vielleicht an der Zeit, den Ursachen auf den Grund zu gehen und eine neue Vision für das Zusammenleben auf unserem Heimatplaneten zu entwickeln?

Ja, ich bin dankbar, in einem Land zu leben, in dem ich nicht weggesperrt werde, wenn ich frei meine Meinung äußere und auch nicht fürchten muss, zu verhungern, wenn ich meine Arbeit verliere. Aber genügt das, um von einem „guten“ Leben zu sprechen?
Und vor allem – genügt das, um unseren Kindern und Enkeln eine bewohnbare Erde zu hinterlassen?

Wenn das, was wir Kultur nennen, die Art und Weise ist, wie die Menschen unter bestimmten Bedingungen leben und ihre Beziehungen gestalten, dann muss sich auch die „Kultur“ von Zeit zu Zeit einer kritischen Bestandsaufnahme unterziehen. Insbesondere, wenn sie einem „guten“ Leben offensichtlich nicht mehr dient.

Ich habe das Gefühl, dass die derzeitigen Anstrengungen, das „Klima zu retten“ nicht nur nicht ausreichend sind, weil die angestrebten Ziele in der Regel nicht erreicht werden. Schwerer wiegt meines Erachtens, dass der alleinige Fokus auf eine Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre nicht die Lösung sein kann, denn nicht nur das Klima ist aus dem Gleichgewicht geraten, sondern der gesamte lebendige Organismus Erde – und wir selbst.

Es ist belastend für uns, die Zerstörung der natürlichen Welt zu erleben. Negative Botschaften haben negative Auswirkungen auf die Prozesse in unserem Gehirn und wirken sich auf die körperliche und geistige Gesundheit aus. Daher brauchen wir Erfahrungen und Anregungen, die uns motivieren und davor bewahren, negative Emotionen wie Verzweiflung, Wut und Angst permanent zu nähren und damit den Prozess des Wandels im negativen Sinne zu beeinflussen.

Was sagt das Herz?

Das Herz. In unserer Kultur ist das Herz ein Organ, das das Blut durch unseren Organismus pumpt. Metaphorisch betrachtet steht es für die Welt der Gefühle und der Liebe. Gefühlen gegenüber sind wir skeptisch, denn sie stehen im scheinbaren Widerspruch zum logischen Denken – und der empirischen Wissenschaft. Sie gehören allenfalls in den Bereich der Künste, beziehungsweise des Privaten.

Neuere wissenschaftliche Studien indes zeigen, dass im Herzen eine neuronale Struktur angelegt ist, die der in unserem Gehirn ähnelt und dass das Herz unsere Gehirnfunktionen beeinflusst. Vom Herzen geht ein starkes Magnetfeld aus, das das Nervensystem anderer Lebewesen beeinflusst. Dieses Feld lässt sich noch mehrere Meter vom Körper entfernt messen. Dass das Herz das Organ ist, über das wir mit der Welt in Beziehung treten, haben Menschen gewusst, lange bevor elektro-magnetische Strahlung gemessen werden konnte.

Ob wir lieben oder hassen hat eine große Auswirkung auf uns selbst und unser Umfeld. (Stichworte: Gedeihen oder Verkümmern).

Der gemeinsame Nenner indigener Kulturen ist das Wissen um die grundsätzliche Verbundenheit aller Lebewesen und die Heiligkeit allen Lebens. Das Wissen, dass jedes Wesen, auch das kleinste, eine wichtige Aufgabe im Gefüge erfüllt. Zu den lebendigen Kräften der Natur zählen auch die Elemente Wasser, Erde , Luft und Feuer, die geehrt und auf die Acht gegeben wird. Die indigene Weltsicht ist nicht hierarchisch. Pflanzen, Tiere und auch die Ahnen sind „Verwandte“.

Mich hat sehr berührt, dass sich Menschen indigener Herkunft als „Hüter*innen der Erde“ verstehen. Als solche sind sie derzeit auch bei Versammlungen bei der UNO und auf Klimagipfeln präsent und teilen ihre Sicht der Dinge. Die Kämpfe um „ihr Land“ und ihre Heiligen Stätten dauern an. Dabei haben diese Menschen ein Verhältnis zum Land, das sich von unserem stark unterscheidet. Wenn sie Besitzrechte anmelden dann geht es nicht darum, das Land besitzen zu wollen, sondern um die Möglichkeit, das Land vor invasiven Eingriffen (Fracking, Müllentsorgung, etc.) zu schützen. Ihrem Verständnis nach kann man Land nicht besitzen, weil es lebendig ist.

Ich bin davon überzeugt, dass die Perspektive der indigenen Völker, ihre Weisheit und ihr Wissen um die ökologischen Zusammenhänge auf dieser Erde viel zur Lösung der gegenwärtigen Probleme beitragen kann. Die Beschäftigung mit der inneren Haltung dieser Kulturen ist für mich wie ein Lebenselexier. In schwierigen Zeiten, wenn es sich so anfühlt, als würde alles nur immer schlimmer, hilft mir die Rückbesinnung auf die Verbundenheit alles Lebendigen und es fühlt sich an, als käme etwas Vertrautes zu mir zurück. Da ist selbstverständlich auch Trauer, aber vor allem Zuneigung, Freude und ja, – auch Liebe.

Charles Eisenstein kritisiert in „Klima. Eine neue Perspektive“, dass es bei den Maßnahmen zur Reduzierung der schädlichen Treibhausgase in der öffentlichen Debatte auch wieder nur um Zahlen und Technologien geht. Als wären wir nicht auch auf der emotionalen Ebene davon betroffen, wenn ein Wald gerodet wird und seine Bewohner heimatlos werden. Eisenstein ermutigt die Leser*innen sich die emotionale Betroffenheit zuzugestehen. Der Wald ist wesentlich mehr als ein CO2-Speicher. Er ist lebendig und wenn „unser“ Wald stirbt, stirbt auch ein Teil von uns. Vor allem aber hat jedes einzelne Wesen (im Wald und überall sonst) einen Wert an sich, unabhängig von seinem Nutzen für uns Menschen. Es wird Zeit, dass wir aufhören, Pflanzen und Tiere wie Gegenstände zu betrachten – und zu behandeln. Wir wissen doch längst, dass „Alles fühlt“. Das galt es auszublenden, als wir uns entschieden haben, „uns die Erde Untertan zu machen“. Für den umgekehrten Vorgang, also die Rückkehr zur ursprünglichen Partnerschaft ist die gefühlsmäßige Bindung nicht nur „gestattet“, sondern sogar immens wichtig.

Warum dieser Perspektivwechsel so wichtig ist, spüre ich jedes Mal, wenn mich eine Begegnung mit der menschlichen oder der nichtmenschlichen Welt oder ein Text tief berühren. Wenn das geschieht fühle ich mich lebendig, verbunden, zu Hause. Und ich habe das Bedürfnis, mich um das kümmern, was mir am Herzen liegt.

Mit dem Herzen sehen, vom Herzen her sprechen – das bedeutet, gefühlsmäßig verbunden zu sein. Und diese Verbundenheit ist die Voraussetzung dafür, Mitgefühl zu entwickeln und sich zu engagieren. Menschen, die der Natur entfremdet sind, werden nicht die Energie aufbringen, sich für sie einzusetzen. Mir scheint, die alles entscheidende Frage ist, ob es uns gelingt, das Gefühl des Getrennt Seins aufzuheben und die lebendige Welt um uns herum wieder zu fühlen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es Bücher gibt. Bücher sind zwar kein Ersatz für unmittelbares Erleben, aber ein Text, der vom Herzen kommt, kann ein starker Impuls sein, die Welt aus einer erweiterten Perspektive zu betrachten, und sich für neue Erfahrungen zu öffnen.

Ich schreibe diese Zeilen an einem trüben, regnerischen Novembertag, in dem Wissen, dass viele solcher Tage folgen werden. Und obwohl auch in diesem Jahr damit zu rechnen ist, dass Kontakte in der „realen Welt“ in den kommenden Monaten nur mit vielen Einschränkungen möglich sein werden, begrüße ich diese Zeit der „inneren Einkehr“, weil ich weiß, dass Begegnungen nicht nur auf der physischen Ebene stattfinden.

Manche Autor*innen hinterlassen einen so tiefen Eindruck, dass sie zu ständigen Begleiter*innen werden. Zu jenen zählt für mich Robin Wall Kimmerer (Professorin für Botanik und Angehörige des Stammes der Potawatomi, Nordamerika). In „Geflochtenes Süßgras“, gewährt die Autorin einen Einblick in ihre Kultur, in der Menschen und Pflanzen zum gegegenseitigen Gedeihen in Partnerschaft zusammenwirken. Ein wunderbares Buch, weil die Autorin nicht nur etwas Wichtiges mitzuteilen hat, sondern auch eine großartige Erzählerin ist.

Ich plädiere dafür, dass wir die dunkle und kalte Jahreszeit nutzen, um eine Vision zu entwickeln, denn:

We are what we imagine. Our very existence consists in our imaginiation of ourselves. Our best destiny is to imagine, at least, completely, who and what, and that we are. The greatest tragedy that can befall us is to go unimagined.
(N. Scott Momaday, „The man made of words“, 1970)

(„Wir sind, was wir uns vorstellen. Unser wahres Dasein besteht in unserer Vorstellung von uns selbst. Unser bestes Schicksal ist es, uns zumindest vollständig vorzustellen, wer und was, und dass wir sind. Die größte Tragödie, die uns widerfahren kann, ist es, sich nichts vorzustellen.“)

Abschließend möchte ich Sie an dieser Stelle noch einmal herzlich einladen, Ihre Eindrücke und Gedanken mit den Leser*innen dieses Blogs zu teilen. Kommentare und auch längere Textbeiträge sind willkommen.

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