Das gute Leben

###Von: LuckyMe

Foto: J. Cammert

Der Text „Mit Herz und Verstand eine Kultur erschaffen, die dem Leben dient“ hat mich mitgenommen auf eine Seelenreise der Vernunft. Er spricht eine schöne Sprache der Herzens-Vernunft. Das mag seltsam klingen, aber ich finde es durchaus vernünftig, mich in einer liebenden Verbindung einzufinden – zu allem was lebt und fühlt. Ich glaube letztlich, dass für die Seele kein Widerspruch besteht zwischen Liebe und Vernunft. Werden sie getrennt, verkümmert die Seele – und mit ihr das Land, das Leben, die Erde – mit all unseren Verwandten.

Es ist also in jedem Fall vernünftig, den Wandel zu begrüßen – wie die Autorin schreibt – den Ursachen auf den Grund zu gehenund eine neue Vision für das Zusammenleben auf unserem Heimatplaneten zu entwickeln?

Die Fragezeichen am Ende der zitierten Sätze verstehe ich als Einladung, mich zu entscheiden. Es geht hier vielleicht um mehr als bloße Zustimmung – oder ein entschlossenes Like. „Ich entscheide mich…“ – so beginnt der Blogbeitrag der Autorin. Das könnte jeder von uns tun: sich entscheiden.

Es scheint etwas Entscheidendes zu fehlen, heißt es gleich in den ersten Sätzen. Einer Vernunft, der die Liebe fehlt, fehlt etwas Entscheidendes. Aber auch einer Liebe, die nicht handlungsfähig ist, die sich nicht für das Leben, die Erde, die Verbundenheit mit allem entscheiden kann, fehlt etwas. Vielleicht ist sie bloß Sentimentalität. Ihr fehlt die Vernunft, dem Geliebten eine Chance zu geben, dass es gedeihen kann – und überleben. …denn nicht nur das Klima ist aus dem Gleichgewicht geraten, sondern der gesamte lebendige Organismus Erde – und wir selbst.

Eine Seelenreise, hatte ich gesagt. Vielleicht ist es auch eine Pilgerreise. Ihre Stationen sind markante Fragestellungen. …wollen oder können wir uns damit abfinden? …genügt das, um unseren Kindern und Enkeln eine bewohnbare Erde zu hinterlassen?

Und dann der klare schonungslose Blick: Wenn das was wir Kultur nennen… einem „guten“ Leben offensichtlich nicht mehr dient. – Da kann man dann nur noch auf die Knie gehen. Und möchte dienen lernen.

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Unserer Kultur fehlt etwas Entscheidendes. Wen wundert’s? Sie ist nie eine Kultur der Einheit, Gleichheit und des Friedens gewesen – sondern eine patriarchale Macht-Kultur. Es scheint, dem Männlichen fehlt die Vorstellungskraft der Liebe. We are what we imagine – zitiert die Autorin eine ihrer inspirierenden Quellen. – Ist das der lieblose Blick der männlichen Kultur und Politik, Wissenschaft und Ökonomie. Wir erwachen gerade aus einem Dornröschenschlaf – und erschrecken über die zerrüttete Welt, die sich dieser Blick „vorgestellt“ hat. – Diese Vorstellung aber lebt durch unser aller Augen. Und so erschrecken wir ein weiteres Mal. Denn es kommt auf uns an.

Ich entscheide mich die Welt mit anderen Augen zu sehen. Jeden Tag. Damit mein Leben doch noch zu einer Seelenreise wird, einer Pilgerreise der Liebe zur Erde. Neuerdings huldigt meine Vernunft gar einer realen Göttin des Lebens. Sie ist weiblich. Sie ist überall und ihre Liebe fordert Wandel. – So wie Liebe immer Wandel und Veränderung mit sich bringt. – Sie fordert uns heraus. Wir müssen uns entscheiden, denke ich. Und wir müssen uns zeigen mit dem, was wir entschieden haben. – So wie die Autorin in diesem Blog.

Wenn unsere Liebe und unsere Vernunft keine Zukunft erfinden, wird es keine Zukunft geben.

Foto: J. Cammert

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Die eigene Rationalität in die Schranken zu weisen ist eine Herkulesaufgabe. Zumindest für mich. Die Rationalität verschließt mir den Blick für die Mehrdimensionalität des Lebens. Sie schließt aus, was nicht sichtbar, und mit den dominanten äußeren Sinnen greifbar und erfahrbar ist. Sie definiert und inszeniert ein Äußeres, dessen Inneres leblos, leer und bedeutungslos scheint.
Wer sich die Augen öffnen lassen möchte für dieses Innere des Lebens, der Natur und der Erde, dem seien die Bücher von Marko Pogaĉnik empfohlen, dem Geomanten, Künstler und „Mystiker“, der seit drei Jahrzehnten den Seelenraum der Erde erforscht – und Erdheilung praktiziert. Die Titel sprechen für sich: Das geheime Leben der Erde – Neue Schule der Geomantie 2008 / Der Wandlungstanz der Erde – Ein Begleiter durch die Herausforderungen der jetzigen Zeit 2019

Begonnen hat meine Reise mit Pogaĉnik schon vor mehr als zwanzig Jahren unter anderem mit den beiden Büchern Erdsysteme und Christuskraft – Ein Evangelium für das Menschwerden 1998 und Die Erde wandelt sich – Erdveränderungen aus geomantischer Sicht 2001.

Ich hatte mich allerdings –beinahe erfolgreich – dem Weisheitsblick der Narration Pogaĉniks wieder entzogen, und mich ihr erst wieder gestellt, als ich an einem „persönlichen“ Abgrund stand.

Man kann sich dem hypnotischen Blick unserer Kultur, der von der Liebe und der Natur, von der Weisheit und der Seele entrückt und entfremdet ist, kaum entziehen. Erst jetzt, wo wir uns den Zustand der Biosphäre vergegenwärtigen müssen, begreifen wir wie verheerend sich das klaustrophobische Zwangsverhalten der Rationalität auf alles auswirkt, was lebt. Und fühlt. Unser Denken wirkt sich selbst auf das Wasser aus und auf die Luft die wir atmen. Rationalität und Denken an sich sind wunderbar. Sie sind ein Ausdruck des Menschseins und der Fähigkeit zur freien Entscheidung, die den Menschen ausmacht. Zum Fluch und zur Hybris werden sie erst wenn ihnen die Liebe fehlt – und die Vernunft sich beschränkt auf ein Machtkalkül und ein Streben nach Gewinn um jeden Preis. Wir ahnen vielleicht allmählich, wie groß die wahre Bedeutung des Menschen für den Planeten, den lebendigen Seelenraum der Erde, eigentlich ist. Wir fragen uns, wie wir die gemeinsame Evolution mit der Erde und all ihren Wesen in einem partnerschaftlichen mitschöpferischen Sinn gestalten können – und wie notwendig es sein könnte, alles was lebt „vernünftigerweise“ als heilig zu betrachten. Und zu lieben.

Da diese Dinge nicht erfasst werden können von der Narration der Rationalität, braucht es offenbar eine neue Narration und Imagination – eine lebendige Vision des Seins und seiner Entwicklung – eine Vision der Zukunft, in der sich ein tieferes integrales Verständnis dessen ausdrückt, was wir Schöpfung und Evolution nennen. Und somit ein neues Verständnis von uns selbst.

Nach meiner Kenntnis liegt diese Narration längst vor – und sie hat zahlreiche Quellen. Es scheint, sie alle würden in ein gemeinsames ethisches Verständnis des Lebendigen und Heiligen münden, dessen leibhaftige Gestalt sich uns ausgerechnet in einem großen Wandel und Übergang neu offenbart. Der Wandel geschieht, ob wir nun wollen oder nicht – und lädt uns ein, uns selbst als Menschen zu erkennen. – Wer sind wir? Wer bin ich? – Ich denke, wir sollten uns darauf besinnen, dass es nicht bloß um einen kulturellen Wandel geht, der vor allem uns Menschen betrifft. Es scheint vielmehr, dass das Geschehen ein elementarer und evolutionärer Wandel ist, der alle Dimensionen des Seins ergreift. Die Zeiten wo wir uns als Herrscher dieser Welt fühlen konnten sind vorbei.

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Eigentlich kommt es mir so vor, als würde niemand wirklich Veränderung wollen. Wir wollen nur mehr oder weniger von irgendetwas. Wirkliche Veränderung ist nicht quantitativ, sie ist qualitativ. Auch darauf weist die Autorin hin. Veränderung konfrontiert uns mit Transformation, mit dem Unbekannten und Ungewussten. Sie nimmt uns die Kontrolle. Die Verunsicherung des Menschen angesichts des Wandels ist ungeheuerlich – und zwar auch deshalb, weil sich unsere materialistisch-männliche Kultur von den weiblichen Prinzipien des Zyklischen, des Werdens und Vergehens – seinen universellen Gesetzen und seiner seelisch-archetypischen Tiefe – abgekoppelt hat.

Die Rationalität unserer dominanten zivilisierten Kultur verachtet das Weibliche. Und so verachtet sie auch die Erde – unsere Heimat. Wir sind kulturell gesehen erblindet – und haben unsere Herzverbindung und Heimat verloren. Das ist bitter. Die kulturellen Mechanismen, Technologien und Narrationen, denen wir uns verschrieben haben, geben uns keine Orientierung im Gelände der Evolution. Ganz im Gegenteil – sie zerren uns in die Verwirrung und Verblendung. Das ist erschütternd. Gerade jetzt!

Der Blogbeitrag der Autorin verweist ganz präzise auf die beiden Perspektiven, die sich aus dem tragischen Dilemma als Herausforderung ergeben: Die Frage nach den Ursachen – und die Frage nach einer zukunftsweisenden Vision und Narration.

Ich denke, es ist im Grunde offensichtlich, dass die Gleichgültigkeit, der Zynismus und „alternativlose“ Pragmatismus, mit denen unsere zivilisierte Kultur ihr Zerstörungswerk verrichtet, nur in einem Trauma, einer kollektiven Traumatisierung begründet sein kann.
(Es sei denn man würde vom Bösen im Menschen ausgehen wollen. – Ich hielte das für keinen guten Gedanken.)

Diese massive Traumatisierung müsste sich uns erschließen, damit sie geheilt werden kann.

Ich glaube ernsthaft, dass das kollektive Trauma der dominanten zivilisierten Kulturen die Abkoppelung vom Seelenraum der Natur und der Erde ist, die vor etwa 5.000 Jahren geschah. Es ist der Beginn der patriarchalen und rationalen Kulturentwicklung. Diese Abkoppelung hat uns seelisch entwurzelt und zutiefst traumatisiert. Sie hat das Weibliche verraten. Und „muss“ es seitdem ständig missachten und misshandeln. Wir Menschen haben unsere paradiesische planetare Seelenheimat und damit unsere mehrdimensionale seelische Identität und Orientierung verloren – und uns einer Kulturentwicklung der Rationalität, der Herrschaft und Kontrolle ausgeliefert. In vielen – vielleicht gar in allen – „persönlichen“ Traumata spiegelt sich diese kollektive Traumatisierung wieder – und so halten sie für uns Einzelne anscheinend einen Zugang bereit zum großen Menschheits-Thema der liebenden Versöhnung mit dem Weiblichen und Heiligen – und der Wiederverbindung mit der Erde und der Seele.

Wenn wir diesen – vielleicht notwendigen – Irrtum korrigieren wollen, können wir das nicht in der Vergangenheit tun – und auch nicht in der Zukunft – sondern nur in der Gegenwart. Es braucht eine qualitative Veränderung – und zwar in jedem von uns. Jeden Tag. Jeder einzelne Mensch ist ein Ort des Wandels und trägt in sich das Potential der Erneuerung. – Das tragische und tückische an Traumata aber ist, dass sie sich ständig wiederholen. Sie sind nicht einfach Relikte der Vergangenheit. Sie sind wirksam in der Gegenwart. Geradezu von Augenblick zu Augenblick.

Achtsamkeit erfasst diese Augenblicke. Bewusstheit ermöglicht Entscheidung. Jederzeit. Wir können uns tatsächlich dabei zuschauen, wie wir uns mit nur einem einzigen Gedanken abkoppeln von allem Lebendigen. Von der Liebe. Der Empathie. Der Vernunft. – Der Zukunft. Wir können uns dabei zuschauen, wie oft wir dies tun. Und immer haben wir dafür „gute“ Gründe. Ein „gutes Leben“ aber sähe anders aus.

Foto: J. Cammert

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Der Irrtum des patriarchalen Materialismus könnte ein notwendiger gewesen sein, hatten wir gesagt. Notwendig vielleicht für die Entwicklung des Bewusstseins und für die Emanzipation des Menschen vom paradiesischen Traumzustand der symbiotischen Verbundenheit mit der „Mutter Erde“ – sodass der emanzipierte erwachsene Mensch seine evolutionäre Aufgabe erfüllen kann, den verlorenen paradiesischen Zustand in einer bewussten und selbst-bewussten, neu-schöpferischen Mitgestaltung anzustreben – und so den Geburtsraum einer neuen Evolution und Welt vorzubereiten und zu verwirklichen. – Wunderbar!

Ob das nun das Ende des Pilgerweges ist oder sein Anfang – auf jeden Fall geht es auf die Knie. Es scheint, dass immer mehr Menschen in den neuen Zustand oder die neue Dimension eines integralen Selbst hineinreifen – während sich auf der anderen Seite der manifeste „übermaterialisierte“ Raum der Industrialisierung und Technisierung, Digitalisierung und Globalisierung des rationalen Materialismus immer enger zusammenzieht. Als würde er sich in einen Geburtskanal verwandeln, durch den eine neue Welt geboren werden will.
Diese Geburtsgeschichte wäre eine Vision und Narration, die Wandel und Neu-Schöpfung vereint. Wenn der Geburtsraum des Neuen die heilige Erde ist, unser Planet, dann müssen wir sie lieben lernen, wenn wir nicht im Geburtskanal stecken bleiben wollen. Ohne Versöhnung und Vereinigung des Weiblichen und Männlichen aber ist diese Neugeburt nicht möglich.

Die Neue Welt. Das NEW CHILD. So ihr werdet wie die Kinder, wird euch das Himmelreich aufgetan – sagt uns ein erstaunliches Jesus-Wort. Das wäre wohl das Ende der Rationalität. Aber es wäre auch das Ende der Kindheit des Menschen. Denn im „Himmelreich“, im wahren Leben des Schönen und Guten, wären wir wirklich Erwachsene.

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