Die Wiederentdeckung unserer „ersten Natur“

von mayakirsch

Vor vielen Jahren hatte ich den Gedanken, dass es an diesem Punkt der Menschheitsgeschichte darum gehen wird, große Teile der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse einzubinden. Vorbei ist die Zeit der autoritären Herrscher. Jedenfalls dann, wenn etwas wirklich Neues entstehen soll.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass mich schon immer interessiert hat, wie sich die Menschheit zu dem entwickelt hat, was sie heute ist. Mit all den Licht- und Schattenseiten. Und vor allem interessiert mich heute mehr denn je, wohin die Reise geht. Wohin sie gehen könnte. Was wäre folgerichtig, wenn man davon ausgeht, dass das Prinzip der Evolution Wandel ist, die Entwicklung hin zu immer komplexeren Lebens- und Bewusstseinsformen?

Was zeigt mir der Blick in die Vergangenheit?

Zunächst zeigt sich mir, dass sich die Art und Weise, wie wir Menschen die Welt, in der wir leben und uns selbst wahrnehmen über die Jahrtausende immer wieder gewandelt hat. Und das hat viel mit der Entwicklung unseres Gehirns zu tun und vor allem damit, wie wir es nutzen.

Die Realität (als Synonym für die wahre Beschaffenheit der Welt) ist ein fragliches Konstrukt. Die Realität, in der heute der größte Teile der Menschheit lebt, ist die des Getrennt-Seins von der Natur. Der „moderne“ Mensch lebt in einer Welt von Objekten, die getrennt voneinander existieren und in der die Beziehungen untereinander von Nützlichkeitserwägungen geprägt sind. Da wir in einer Weise konditioniert werden, der ein hierarchisches Denken zugrunde liegt, lernen wir von Anfang an, zu unter-scheiden (trennen) und zu be-werten.

Begonnen hat diese neue Ära der Menschheitsgeschichte mit dem Aufkommen der Landwirtschaft. Was wir heute als Entgleisung erleben – die furchtbaren Zustände in der Massentierhaltung, aber auch die Zerstörung fruchtbarer Böden durch Übernutzung und Überdüngung, die Kontaminierung des Wassers – es war als Same von Anfang an angelegt. Warum? – Weil aus der Erde Eigentum wurde. Weil die Daseinsberechtigung von Lebewesen seither von ihrem Nutzen für den Menschen abhängig gemacht wird. Weil damit die Entwertung der lebendigen Natur einhergeht. Und mit ihr begann auch die Entwertung des Weiblichen.

Das ursprünglich Konzept, die Natur als unseren Lebensraum zu begreifen, der uns beschenkt und unserer Fürsorge bedarf, ist einem Konzept der Unterwerfung und Ausbeutung gewichen.

Für uns ist diese Art, die Welt zu denken tatsächlich Realität, insofern sie unser Sein in der Welt, unsere Beziehungen, unser Handeln und unsere persönliche Wirklichkeit bestimmt. Aber es gibt anderswo auf der Welt andere Realitäten, Überbleibsel vergangener Epochen, in der der Mensch sich noch als Teil der Natur versteht und die Möglichkeiten seines Gehirns nutzt, um mit ihr zu kommunizieren.
Und sie rücken langsam aber sicher wieder in unser Blickfeld.

Ich möchte an dieser Stelle auf den Leserbrief von Christoph Röhrs Bezug nehmen. Ich hatte in einem früheren Text geschrieben, dass ich das Konzept der Unterwerfung in dem Bibelzitat „Macht Euch die Erde unter-tan“ gespiegelt finde.

Ich muss zugeben – ich tue mich generell schwer mit Religionen. Im Unterschied zur Spiritualität, die keiner Institutionen bedarf, keiner Interpretationen und Vorschriften durch Experten (hier verzichte ich absichtlich auf das Gender-*), ja nicht einmal spezieller Häuser zur Andacht, haben die Religionen Herrscher an die Spitze ihrer Institutionen gesetzt („Kirchenfürsten“), die weitreichenden Einfluss auf das Leben ihrer „Schäfchen“ ausüb(t)en. Dem hatte man sich zu unterwerfen. Ich erinnere an die Hexenverfolgungen. In meinem Geburtsort steht der sogenannte Hexenturm. Hier sind tatsächlich im 14. Jahrhundert vermeintliche Hexen, gelegentlich auch Hexer, gefoltert worden. Die mittelalterlichen Folterinstrumente können dort heute noch besichtigt werden.

Die Struktur der Institution Kirche als solche begünstigt eine Konzentration von Macht und mit ihr den Machtmissbrauch. Ich bin mir sicher, dass Jesus von Nazareth, dessen Geburtstag sich dieser Tage wieder jährt, ein entschiedener Kritiker dieser Entwicklung gewesen wäre.

Der Begriff (Anm. Untertan) taucht in vielen Grimmschen Märchen auf und hat dort eine deutlich andere Bedeutung. Er nimmt Bezug auf unterschiedliche Stellungen der Menschen im gesellschaftlichen Gefüge und steht in Zusammenhang mit bei zumeist König oder Königin genannten Personen für deren fürsorgliche Haltung bei der Führung ihnen anvertrauter Menschen. Es gab schon immer solche führenden Menschen, und das hatte auch durchaus seine Berechtigung, es waren die geistigen Eliten, die notwendig sind und waren, um einer zielgerichteten Evolution den Weg zu bahnen.
(aus dem Leserbrief von Christoph Röhrs, siehe Rubrik Leserbriefe)

Es geht mir grundsätzlich nicht um eine „Abrechnung“ mit der Vergangenheit, mit Personen oder Institutionen. In meinem Text über den Maya Kalender habe ich geschrieben:

Wenn wir davon ausgehen, dass alle historischen Entwicklungen unvermeidbare Schritte auf dem Weg zur Entwicklung des Bewusstseins sind, dann ist ein Bestehen auf Schuldzuweisungen (Bewertungen, Verurteilungen) nicht hilfreich, weil es die Menschheit spaltet.

Das bedeutet aber nicht, dass eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit überflüssig wäre. Dazu gehören Fragen, wie die, warum sich das Patriarchat so nachhaltig etablieren konnte, obwohl sich das kooperative Prinzip frühzeitlicher Jäger-und Sammlergemeinschaften über so lange Zeit als erfolgreich erwiesen hatte.

Eine der wesentlichen Fragen, da stimme ich zu, ist tatsächlich, was es heute braucht, um einer zielgerichteten Evolution den Weg zu bahnen.

Wir blicken zurück auf eine Vergangenheit, in der die Rollen klar verteilt waren. Bereits bei der Geburt stand fest, „wie weit“ es eine*r bringen konnte. Die „einfachen“ Menschen konnten weder lesen noch schreiben und die meisten verbrachten ihr gesamtes Leben in unmittelbarer Nähe zu ihrem Geburtsort. Sie waren abhängig von den Launen der Natur und denen ihrer Lehnsherren.
Häufig war das Leben ein „Kampf ums Überleben“. Da sie nie etwas anderes zu Gesicht bekamen als ihres Gleichen war ihre Perspektive beschränkt. Das sieht heute, im 21. Jahrhundert, zumindest in den westlichen Industrienationen, anders aus. Der Schulbesuch ist kein Privileg mehr, sondern Pflicht. Viele Menschen haben die Möglichkeit, zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen. Mit dem Internet hat die globale Kommunikation eine neue Dimension erreicht.
Und auch wenn wir von einer Chancengleichheit noch weit entfernt sind – der/die Einzelne hat viel mehr Möglichkeiten, Wissen zu erlangen. Und das ist nicht nur erfreulich, es ist auch erforderlich. Erforderlich im Hinblick auf das unermessliche kreative Potenzial, das noch immer nicht genutzt wird, weil zu viele Menschen von Bereichen ausgeschlossen sind, in denen es um die „Erschaffung“ von Wirklichkeit geht.

Die Eliten waren immer die Privilegierten – Landbesitzer (häufig Adelige), Fabrikbesitzer und Kaufleute. Eine Veränderung der Verhältnisse, deren Nutznießer sie waren – und sind – lag und liegt auch heute nicht in ihrem Interesse. Können wir von den Eliten also die Impulse erwarten, die grundlegende Veränderungen einleiten?

Die Frage, woher wir kommen und wohin die Reise geht hat auch den Evolutionsbiologen und Anthropologen Carel van Schaik und den Historiker und Literaturwissenschaftler Kai Michel beschäftigt. Sie haben zusammen zwei interessante Bücher geschrieben: „Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät.“ (2016) und „Die Wahrheit über Eva“ (2020).

In ihrem ersten Buch versuchen sie nachzuzeichnen, inwieweit religiöse und kulturelle Vor-stellungen den veränderten Lebensbedingungen sesshaft gewordener Menschen Rechnung tragen und was uns die Bibel über den Umgang der Menschen mit den neuen Heraus-forderungen verrät.

Aufgreifen möchte ich hier die These von den „drei Naturen“ des Menschen.

Die erste Natur: das sind unsere angeborenen Gefühle, Reaktionen und Vorlieben. Sie haben sich über Jahrtausende hinweg entwickelt und ihre Tauglichkeit im Alltag kleiner Jäger- und Sammler-Gruppen bewiesen. (…) Die erste Natur meldet sich als Intuition und Bauchgefühl zu Wort. Die existenziellen Probleme, die das neue, das sesshafte Leben mit sich brachte, waren so dringend, dass schnelle kulturelle Lösungen vonnöten waren, die zu neuen Gewohnheiten, Konventionen und Mentalitäten führten. (…) Die dritte Natur nennen wir unsere Vernunftnatur. Das sind jene kulturell verankerten Maximen, Praktiken, Institutionen, denen wir aufgrund einer weitgehend bewussten Rationalität folgen – etwa als Ergebnis einer gezielten Situationsanalyse.(…)
(Carel van Schaik, Kai Michel: „Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät.“)

Nun ist es nicht so, dass eine „Natur“ die anderen gänzlich abgelöst hat. Vielmehr führt das Nebeneinander dieser drei „Naturen“ zu inneren Konflikten. Denn „Natur zwei und drei sind kulturelle Produkte. Sie können uns kaum glücklich machen. (ebenda)

Wie auch? Entspricht doch die Trennung von der Natur so gar nicht unserem ursprünglichen Empfinden.
Das dem so ist, könnte bei dem Prozess, in dem wir uns gerade befinden, von Vorteil sein.

Was geschieht, wenn ein Lebewesen auf Dauer gezwungen ist, wider seine Natur zu leben? Wird es in der Lage sein, sein Potenzial zu entfalten? Wird es in der Lage sein, im Einklang mit der Welt zu leben, physisch und psychisch gesund zu bleiben?

Ist der Zustand der Welt nicht ein deutlicher Hinweis auf ein aus den Fugen geratenes inneres und äußeres Gleichgewicht?

Durch das wissenschaftliche Verständnis ist unsere Welt entmenschlicht worden. Der Mensch steht isoliert im Kosmos da. Er ist nicht mehr in die Natur verwoben und hat seine emotionale Anteilnahme an Naturereignissen, die bis dahin eine symbolische Bedeutung für ihn gehabt hatten, eingebüßt.
C. G. Jung

Wir verhalten uns auf dieser Erde wie Kinder, die begeistert darüber sind, was die Erde alles zu bieten hat und was man damit anstellen kann. Die Erde zeigt uns gerade unsere Grenzen auf. Kinder müssen Dinge ausprobieren. Sie können und sollten sich nicht selbst limitieren. Da wir erdgeschichtlich gesehen aber keine Kinder mehr sind, sondern bereits Jugendliche, wären manche Konsequenzen unseres Tuns bereits absehbar gewesen. Wir konnten aber einfach nicht aufhören, zu „zocken“.
Nun gilt es erst mal, zur Besinnung zu kommen und zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Wo befinde ich mich? Was habe ich zu geben?

Um gute, „erwachsene“ Entscheidungen treffen zu können, braucht ein Mensch valide Informationen, ein gutes Allgemein- und manchmal auch Expertenwissen, um sie in einen größeren Kontext einordnen zu können. Darüber hinaus brauchen wir noch Erfahrungen. Erst dadurch wird aus einer Ansammlung von Informationen Wissen.

Die Empfindung stellt fest, was tatsächlich vorhanden ist. Das Denken ermöglicht uns zu erkennen, was das Vorhandene bedeute. Das Gefühl, was es wert ist. Und die Intuition schließlich weist auf die Möglichkeiten des Woher und Wohin, die im gegenwärtig Vorhandenen liegen.
C. G. Jung

Ich weiß, dass viele Menschen darunter leiden, von Entscheidungsprozessen
ausgeschlossen zu sein. In einer weniger hierarchischen Welt hätten wir ganz andere Möglichkeiten, offene Räume zu schaffen, in denen das gemeinsame Tun Freude macht und kreative Prozesse in Gang setzt. Und wenn wir weniger Energie dafür aufwenden müssen, uns gegen die Konkurrenz durchzusetzen, dann bleibt auch mehr Zeit für den eigenen Reifungsprozess, die gefühlte Verbindung zum Kosmos und die Fürsorge, für das was uns anvertraut ist. Das weibliche Prinzip würde seinen rechtmäßigen Platz an der Seite des männlichen Prinzips wiedererlangen und das Gleichgewicht würde wieder-hergestellt. Vielerorts wird diese andere Art zu leben auch bereits erprobt.
Nichts ist unmöglich und nichts ist alternativlos.

“Deine Vision wird erst dann klarer, wenn du in dein eigenes Herz schauen kannst. Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, wacht auf.”
C. G. Jung

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